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Pastor Harry Engel

Trumpf, Trumpf und noch einmal Trumpf ist das Wort Gottes!

Anekdoten aus dem Leben des Volpriehäuser Pastors Harry Engel

Zusammengestellt von Detlev Herbst, Volpriehausen

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Pastor Engel

 Im April 1886 hatte Pastor Julius Christian Deppe Volpriehausen verlassen. „Zum Segen für die Gemeinde“, wie in einer Aktennotiz zu lesen ist. Wenige Monate später, wurde Harry Engel als neuer Pastor der vier Kirchen – und Kapellengemeinden am Bollert in sein Amt eingeführt, „Zum Segen für die Gemeinde“, wie es  in einer weiteren Randnotiz heißt.

Harry Engel wurde am 5. Februar 1859 in Eldagsen bei Springe als jüngstes Kind – er hatte noch drei Schwestern – des Pastors Gottlieb Hermann Engel und seiner Frau Henriette geboren. Sein Vater war von 1860 bis 1888 als Pastor im Nachbarort Ellierode tätig. Nach seiner Pensionierung lebten  Harry Engels Eltern bis zu ihrem Tode bei der Familie ihres Sohnes im Pfarrhaus in Volpriehausen.

Harry Engel war in erster Ehe mit Karoline Auguste Emma Behrens aus Levershausen bei Northeim verheiratet. Seine Ehefrau starb bei der Geburt ihres ersten Kindes Gerhard  im Jahre 1888 an Kindbettfieber. Drei Jahre später heiratete Harry Engel Karoline Marie von Griesbach, die aus einer alten braunschweigischen – hannoverschen Adelsfamilie stammt. Ihre Vorfahren waren in der Zeit der britischen – hannoverschen Personalunion von 1714 bis 1837 als Militärs und als Hofmusikdirektor und Komponist am britischen Königshof in Windsor tätig. Ihr bekanntester Vorfahr ist der bedeutende britische Astronom Sir William Herrschel, der ursprünglich aus Hannover stammt.

Harry und Kimg102aroline Engel hatten sechs Kinder, vier Söhne und zwei Töchter. Bis zu seiner Versetzung nach Volpriehausen war Harry Engel als Rektor in Springe tätig. Unter einem Rektor verstand man damals den Leiter einer kirchlichen Einrichtung. Im Dezember 1886 trat Harry Engel seinen Dienst als Pastor in den vier Kirch- und Kapellengemeinden am Bollert seinen Dienst an. Er wohnte mit seiner Familie im ersten Stockwerk des alten Pfarrhauses, das im Jahre 1790 erbaut worden war.

In den 43 Jahren seiner seelsorgerischen Tätigkeit in Volpriehausen erlebte er hautnah den Beginn der Industrialisierung und ihre Auswirkungen auf die Bevölkerung des Dorfes und der ganzen Bollert Region mit. Volpriehausen war bis dahin ein armes Bauerndorf gewesen und nun auf dem Wege zu einem der bedeutendsten Industriestandorte in der Region Uslar. Während seiner Dienstzeit wurden die  Brikettfabrik, die Verladestelle für Basaltsteine von der Bramburg und die beiden Kalisalzwerke Justus I (ab 1920 Wittekind) und Hildasglück errichtet. Das Dorf erlebte in dieser Zeit eine nicht da gewesene wirtschaftliche und kulturelle Blüte, aber auch bisher nicht bekannte soziale Probleme der Arbeiterschaft.

Pastor Engel war in seiner neuen Gemeinde bald sehr beliebt. Das lag vor allem daran, dass er seinen Gemeindemitgliedern sehr menschlich und humorvoll begegnete und dabei keinen Unterschied machte, ob es sich um Bauern, Arbeiter oder um höhere Angestellte der örtlichen Industriebetriebe handelte. Zahlreiche Anekdoten sind aus der langen Zeit seines seelsorgerischen Wirkens erhalten geblieben und erzählen von dem fröhlichen Pastor am Bollert.

Im Mittelpunkt seiner Tätigkeit  stand natürlich die seelsorgerische Arbeit in den vier Dörfern. Auch schon damals war es nicht immer leicht, alle Gemeindemitglieder für den sonntäglichen Gottesdienst zu begeistern.

Harry Engel war ein begeisterter Skatspieler. Regelmäßig  traf  er sich mit den  Mitgliedern seiner Skatrunde in der Honigschen Wirtschaft (Gasthaus Zur Linde, B. Anthon). Seine Mitspieler beneideten ihn immer wieder wegen seiner guten Karten. Als gewitzter Skatspieler hob er sich die besten Karten bis zum Schluss auf, um sie dann mit einem lauten „Trumpf, Trumpf und noch einmal Trumpf“ auf den Tisch zu legen. Nach solch einem brillanten Spiel forderten ihn seine Skatbrüder auf, seine Predigt am nächsten Sonntag doch auch ‚mal mit den Worten „Trumpf, Trumpf und noch einmal Trumpf“ zu beginnen. Hocherfreut nahm Engel die Wette an, allerdings nur unter der Bedingung, dass sie alle dem Gottesdienst beiwohnten. Am Sonntag stieg Engel schmunzelnd auf die Kanzel. Seine Skatbrüder sahen ihn erwartungsvoll an und glaubten ihren Ohren nicht zu trauen, als Engel mit den Worten „Trumpf, Trumpf und noch einmal Trumpf ist das Wort Gottes!“ seine Predigt begann.

 Für die Landwirte und ihre Sorgen vor allem während der Erntezeit hatte er stets viel Verständnis, da sie vor allem während der Ernte oft auch sonntags arbeiten mussten.

Eines Sonntagmorgens in der Erntezeit stand Pastor Engel schon früh vor der Kirchentür und betrachtete  besorgt den Himmel, an dem sich die ersten dunklen Wolken zeigten. Als die ersten Kirchgänger an der Kirche eintrafen, sagte er zu ihnen: „ Geht man erst mal auf die Felder und bringt eure Ernte trocken ein. Den Gottesdienst verschiebe ich heute auf den Nachmittag.“

 Zu den Amtspflichten des Pastors gehörte auch die Erteilung des Konfirmandenunterrichts. Pastor Engel nahm den Unterricht sehr ernst und hatte es gar nicht gerne, wenn er dabei gestört wurde.

Während des Konfirmandenunterrichts hörte Pastor Engel Lärm aus dem Hühnerstall. Er schaute aus dem Fenster und bemerkte, dass die Hühner laut gackerten  und unruhig waren, weil sie aus irgendeinem Grunde nicht aus dem Stall heraus konnten. Der Pastor ging in den Pfarrgarten und stellte fest, dass irgendjemand das Schlupfloch des Hühnerstalls verstopft hatte. Wie so oft war der Schuldige nicht zu ermitteln, so dass Pastor Engel schließlich laut losschimpfte: „ In den Himmel wollt Ihr, in den Schweinestall sollt Ihr!

 Oberhalb des Pfarrhauses liegt der Papenberg. Bis zum Jahre 1910  transportierte eine Seilbahn die Braunkohle vom Tagebau in Delliehausen über den Papenberg zur Brikett- und Farbenfabrik am Bahnhof in Volpriehausen. Der Hang entlang des Wegs nach Gierswalde  war damals nicht bewaldet. Im Jahre 1906 wurde auf Engels Vorschlag das noch heute dort bestehende Wäldchen angelegt.

Engel war mit mehreren Mitgliedern des Vorstands der Gewerkschaft Justus, die das Kali – und Steinsalzbergwerk in Volpriehausen betrieb, befreundet. An seinen Geburtstagen, die meistens im Sommer im üppig wuchernden Pfarrgarten nachgefeiert wurden, nahmen sie stets in großer Zahl teil.

Harry Engel war ein Feinschmecker. Seine Frau Karoline konnte gut kochen. Doch wie in jeder Familie gab es auch bei Engels einmal in der Woche Linseneintopf, den Harry Engel gar nicht mochte. Wenn er die Linsen in der Küche roch, pflegte er zu sagen: „ Ist heute Dienstag? Oh dann muss ich ja noch zur Pastorenbesprechung nach Uslar!“ Im Hotel Menzhausen angekommen, wo die Besprechungen stattfand, fragte er die Bedienung: „Ist heute Mittwoch? „Nein, heute ist Dienstag!“ „Oh, dann habe ich das wohl verwechselt. Aber wenn ich schon einmal hier bin, dann bringen Sie mir doch ein schönes Schnitzel mit Gemüse und ein Glas Rotwein.“

 Pastor Engel war sehr gutmütig und großzügig. Wenn er sein monatliches Gehalt bekommen hatte, ging er oft zur Bäckerei img104Steinweg um die Ecke und kaufte für arme Kinder Schokolade, um ihnen eine Freude zu machen. Ein Kollege Engels soll einmal mit dem Lutherwort gesagt haben: „Oh wenn die Welt voll solcher Pfarrer wär’, viele arme Menschen hätten keine Sorgen mehr!“

Auch bei vielen Bettlern, die ins Pfarrhaus kamen, war Engels Großzügigkeit bekannt. Superintendent Baring aus Uslar, ein Freund Engels, warnte ihn immer wieder wegen seiner Großzügigkeit gegenüber Bettlern und empfahl ihm, die Bettler in Zukunft so zu begrüßen: „Schön, dass Sie kommen. Ich habe hier vor dem Haus Holz. Das muss weg.  Ich gebe Ihnen eine Mark dafür. Doch die meisten Bettler meinten: „ Nein, danke, Herr Pastor! Das ist mir zuviel Arbeit!“ Es hatte sich nämlich ziemlich schnell herumgesprochen, dass es bis dahin für die gleiche Arbeit drei Mark gegeben hatte.

Engel war ein begeisterter Musikliebhaber. Musik gehörte für ihn unbedingt zum Gottesdienst. Sein Lieblingslied  war der Choral „Oh Haupt voll Blut und Wunden“, den er immer dann sang oder vor sich hin summte, wenn er Lust dazu hatte. Es gefiel ihm nämlich gar nicht, dass dieses schöne Lied nur in der Passionszeit gesungen werden sollte. Große Freude bereiteten ihm  auch die  Konzerte mit geistlicher Musik. Zusammen mit der Bergkapelle des Kaliwerks organisierte er sogar selbst Konzerte in der Kirche, an denen Solisten aus zahlreichen deutschen Städten und sogar aus Rom und Paris teilnahmen. Im Jahre 1905 gründete er den kirchlichen Posaunenchor und ließ es sich nicht nehmen, den Chor bei Konzerten auch persönlich zu dirigieren. Der inzwischen über 100 Jahre alte Posaunenchor existiert noch  heute und ist einer der ältesten Vereine im Dorf.

Wilhelm Conrad, der spätere langjährige Küster der Kirchengemeinde, war zu spät zum Konfirmandenunterricht gekommen und sollte deswegen nachsitzen. Er wusste aber, dass Pastor Engel mit seinem Vater, der für die Noten  im Posaunenchor verantwortlich war, immer etwas zu besprechen hatte. Deswegen fragte er gleich nach dem Ende des Konfirmandenunterrichts ganz unschuldig: „Herr Pastor, soll ich meinem Vater etwas ausrichten?“ Kaum hatte Pastor Engel ihm einen Auftrag gegeben, da war Gustav Conrad schon auf dem Heimweg – allerdings ohne nachzusitzen.

Nach der Jahrhundertwende, als das Fahrrad als Fortbewegungsmittel populärer wurde, kaufte sich auch Pastor Engel ein Fahrrad. Er war begeistert von diesem modernen Fortbewegungsmittel und freute sich, dass er nun nicht mehr auf die Pferdekutsche angewiesen war. So konnte er viel schneller seine Freunde, den Superintendenten Baring und den Ratsapotheker in Uslar besuchen oder sogar nach Göttingen fahren.

Am 21.12.1911 erschien in den Sollinger Nachrichten ein Artikel über das 25-jährige Dienstjubiläum Engels in Volpriehausen. Dort heißt es u.a.:

„Am Sonntagabend war alt und jung aus Gierswalde, Delliehausen und Schlarpe nach hier geeilt, um in Gemeinschaft mit den Volpriehäusern  Herrn Pastor Engel einen Fackelzug darzubringen.  Nicht weniger als 15 Vereine, an der Spitze der Kirchenvorstand der vier Gemeinden, zogen unter den Klängen der Bergkapelle zur  Wohnung des Jubilars. Der imposante Zug gewährte einen wirklich großartigen Anblick. Herr Pastor Dreyer aus Fredelsloh feierte in zu Herzen gehenden Worten das Wirken und Wesen des verehrten Seelsorgers, wobei er den Gefühlen des Dankes und der Anerkennung seitens aller Gemeindemitglieder beredten Ausdruck gab. Mit einem dreifachen Hoch auf den Jubilar, in das alle Anwesenden jubelnd einstimmten, schloss der Redner.  Nach Lieder Vorträgen und Beglückwünschung seitens der Vereine überreichte Herr Tischlermeister C. Klinge namens des Kirchenvorstandes dem Jubilar eine von den Gemeindemitgliederngemeinschaftlich gestiftete schöne goldene Taschenuhr.

Harry Engel hatte natürlich auch seine kleinen Schwächen, zu denen er selbstverständlich  stand. Er war ziemlich selbstbewusst und auch ein bisschen eitel.img106

Wenn Superintendent Baring mit seiner ganzen Familie und dem Personal eingeladen war, kamen schnell 20 – 24 Personen zusammen und die Sitzgelegenheiten wurden knapp. Als es einmal wieder ziemlich eng war, sagte Karoline Engel zu ihrem Mann, der immer oben an der Tafel saß: „ Du musst heute mal da unten sitzen.“ Darauf meinte Harry Engel: „ Da, wo ich sitze, ist immer oben!“

 Seine kleinen Schwächen, zu denen auch‚ mal ein Glas Bier oder Rotwein und natürlich ein gutes Essen in der Honigschen oder der Conradschen Wirtschaft gehörten, machten ihn bei den  Gemeindemitgliedern um so beliebter, so dass sie auch schon ‚mal verständnisvoll ein Auge zudrückten, wenn etwas nicht so ganz klappte.

Er saß gerne in der Conradschen oder Honigschen Wirtschaft und trank ein Bier. Eines Wintertages – es lag hoher Schnee – genoss Harry Engel sein Bier in der Honigschen Gastwirtschaft, als er vor der Tür aufgeregte Stimmen hörte, die nach ihm fragten. Eine Taufgesellschaft aus Schlarpe stand mit ihrem Pferdeschlitten vor der Tür. Engel hatte ganz vergessen, dass er für den Nachmittag eine Taufe angesetzt hatte. Nun ging es in schneller Fahrt zum Pfarrhaus, um den Talar zu holen. Doch infolge der hohen Geschwindigkeit kippte der Schlitten in der Kurve bei Sandklinge um und die ganze Taufgesellschaft samt Täufling und Pastor fiel in den Schnee.

 Sehr schmerzlich war für Karoline und Harry Engel der Tod ihres ältesten Sohnes im Ersten Weltkrieg. Der Rittmeister Gerhard Engel fiel im Jahre 1914. Nur wenige Jahre später, im Jahre 1917, musste die Kirchengemeinde die große Kirchenglocke abgeben. Sie sollte eingeschmolzen und dann zu Munition und Waffen verarbeitet werden. Zur Erinnerung an die Glocke, die aus dem Jahre 1897 stammte, gab die Kirchengemeinde eine Ansichtskarte mit dem Bild der Glocke heraus.

Es war im Dorf bekannt, dass Pastor Engel gerne mal ein Bier oder ein Glas Rotwein trank. Eines Tages sollte er einen dorfbekannten Trinker beerdigen. In seiner Traueransprache ging Engel auch darauf ein, dass der Verstorbene zu Lebzeiten kräftig dem Alkohol zugesprochen hatte. Worauf einer der Anwesenden für alle gut verständlich rief: „ Herr Pastor, Sie trinken ja selber gerne einen!“

 Nach 43 Dienstjahren wurde Pastor Engel 1929 im Alter von siebzig Jahren in den Ruhestand versetzt. Sein Nachfolger wurde Pastor Otto Kühnemund. Harry Engel zog nach seiner Pensionierung  nach Elbingerode am Harz und betreute dort bis 1934 die vakante Gemeinde als Pfarrverweser.

Er starb am 9. Juni 1941 in Clausthal und wurde seinem Wunsche entsprechend auf dem Volpriehäuser Friedhof an der Seite seiner ersten Frau Karoline beerdigt. Die Trauerpredigt in der Kirche hielt Pastor  Kühnemund. Die Trauergemeinde sang dazu aus vollem Herzen: „ HARRY, (statt Harre…) meine Seele.“ Den anschließenden Trauerzug zum Friedhof beobachteten zahlreiche Einwohner verschämt mit Tränen in den Augen in den Eingängen ihrer Häuser. Als Parteigenossen wagten sie nicht, den Trauerzug zum Friedhof zu begleiten und an der Beisetzung teilzunehmen.

Pastor Engel Straße

Im Neubaugebiet am Papenberg in Volpriehausen erinnert heute die Pastor – Engel – Straße an den fröhlichen Pastor vom Bollert. Sie wurde anlässlich des einhundertfünfzigsten Geburtstags Harry Engels am 19. September 2009 von Eberhard Schreiber aus Berlin und Ernst Schreiber und seiner Frau aus Hannover im Rahmen einer Feierstunde enthüllt.