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Arbeiter aus vielen Ländern bauten Sollingbahn

Bericht von Dr. Wolfgang Schäfer “Für die Serie Zeitungsjubiläum HNA”

Uslar. Am 11. November 1873 bringen Pferdekutschen Uslarer Honoratioren über den Bollert. Sie wollen den ersten Spatenstich für den Bau eines Eisenbahntunnels zwischen Ertinghausen und Schlarpe miterleben.

Mit den Arbeiten an diesem Bauwerk beginnt der Traum von einer Eisenbahnverbindung zwischen Northeim und Ottbergen und dem Anschluss des Sollings an das nationale Eisenbahnnetz Wirklichkeit zu werden.

Die Sollingbahn verbesserte nicht nur die Infrastruktur im Süden der preußischen Provinz Hannover, sondern sie war auch eine wichtige Arbeitsbeschaffungsmaßnahme. Die Arbeiten an der Eisenbahnstrecke zogen sich über mehr als vier Jahre hin. Für den Bau der beiden Tunnel, mehrerer Brücken und der Trasse mussten Millionen Kubikmeter Erde und Steine bewegt werden.

Ertinghäuser Tunnel damals: Dieses Bild mit Blickwinkel aus Volpriehausen entand um 1900. Foto: nh

Mehrere tausend Arbeiter waren auf den Baustellen beschäftigt. Sie kamen aus allen Teilen Deutschlands sowie aus Polen, Italien und anderen Ländern, da man an der Bahn für körperliche Schwerarbeit gutes Geld verdienen konnte. Am Wahmbecker Tunnel waren sogar „Kassuben mit langen Bärten“ tätig, notierte Lehrer Düwel in seiner Schulchronik. Italienische Tunnelarbeiter waren gefragte Spezialisten.

Nicht zuletzt lockten die ausgezeichneten Verdienstmöglichkeiten auch viele einheimische Männer. „Selbst aus stundenweit entfernten Dörfern kamen Mannsleute herzu, denn der Staat bezahlte Löhne, von denen in unserer Gegend noch keiner geträumt hatte“, schreibt die Zeitzeugin Engelchristine in ihren Memoiren. Der große Durst der Bahnarbeiter führte zu einer kurzzeitigen Blüte vieler Kneipen und Kaschemmen.

Ertinghäuser Tunnel heute (13.10.2020) – Foto: Harald Wokittel

Auch viele Bauern verdienten manch harten Taler für ihre Fuhrdienste. Die Steine für den Bau des Viadukts an der Steimke zum Beispiel karrten sie mit zahllosen Fuhren vom Steinbruch am „Spann“ an die Ahle. Ihre Frauen verkauften Brot, Eier, Wurst, Käse, Schlachtewerk und Obst gegen gutes Geld auf den Baustellen. Die fremden Arbeiter schliefen in Baracken und Erdhütten, in Privatquartieren und Gasthöfen.

Das Zusammenleben von Menschen aus aller Herren Länder verlief nicht ohne Spannungen. So verprügelten am Abend des 8. Juni 1875 betrunkene Pommern bei Wahmbeck polnische Kollegen derartig brutal, dass einer von diesen seinen Verletzungen erlag. Ein anderer polnischer Arbeiter ertrank auf der Flucht vor seinen Peinigern in der Weser.

Schlarper Jünglinge fühlten sich am 18. Juni 1876 im „Gasthaus zur Erholung“ von italienischen Arbeitern beim Skatspiel derartig gestört, dass sie eine blutige Massenschlägerei vom Zaun brachen. Als die Sollingbahn am 15. Januar 1878 festlich eingeweiht wurde, waren die meisten Wanderarbeiter längst zur nächsten Baustelle weitergezogen. Carlo Tomio dagegen blieb in Schlarpe. Der „Bergarbeiter“ aus den Alpen führte dort die 18-jährige Georgine Kleine zum Altar. In Bodenfelde heirateten Giovanni de Candido und die Gastwirtin Regine Werner. HINTERGRUND LINKS Undine Wenzlaff behandelt in ihrem Buch „Aufbruch ins Industriezeitalter – die Industrialisierung des südlichen Sollings“ ausführlich die Eisenbahngeschichte der Uslarer Gegend. Das Buch ist im Verlag Jörg Mitzkat (Holzminden) erschienen und im Buchhandel erhältlich.

Die Sollinger Nachrichten hatten sich lange vor dem Bau der Sollingbahn für dieses Projekt begeistert. Für die Redakteure der kleinen Lokalzeitung war die verkehrsmäßige Erschließung ihrer verarmten Heimat eine Frage des wirtschaftlichen Überlebens.

Wie die meisten Uslarer Bürger erhofften sie sich von der Bahn Fabriken, Arbeitsplätze und Wohlstand. Mit ihrer untertänigsten Bitte um einen Bahnhof in unmittelbarer Nähe der Stadt fanden die Uslarer freilich bei der Königlich-Westphälischen Eisenbahndirektion in Münster kein Gehör.

Während der Baujahre informierte das Blatt seine Leser ausführlich über Erfolge und Probleme an der Bahn. Nach den Zeitungsberichten kamen bei den Bauarbeiten mindestens 17 Arbeiter ums Leben.

Da Unfälle und Erkrankungen an der Tagesordnung waren, unterhielten die Baufirmen Hospitäler in Bodenfelde und Allershausen. Im Privat-Lazarett der Bremer Bau-Gesellschaft“ in Allershausen verstarb am 28. Januar 1876 der 31-jährige August Großer aus dem schlesischen Dorf Probstei an der Schwindsucht.

Auch der 21-jährige Albert Goschke aus Buckow (Brandenburg) verbrachte seine letzten Lebenstage in diesem provisorischen Krankenhaus.