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Heeresmunitionsanstalt

Die Nutzung stillgelegter Kalibergwerke als Munitionsanstalten
Die Heeresmunitionsanstalt Volpriehausen
Detlev Herbst

Erste Munitionslagerversuche in Kalibergwerken
Im Jahre 1934 hatten erstmals Munitionslagerversuche im Kalibergwerk „Preußen-Sachsen“im Eichsfeld, der späteren Heeresmunitionsanstalt Bernterode, stattgefunden. Bei diesen Versuchen hatte sich herausgestellt, dass die Kalisalze sehr hygroskopisch sind und sich für die Anlage von Munitionskammern nicht eignen. Sie nahmen Feuchtigkeit auf und gaben diese bei Sättigung in Tropfenform wieder ab. Das führte zu Ätzwirkungen auf eingelagerten Munitionsteilen. Einlagerungen im Stein – und Hartsalz, das den größten Teil des Salzstocks ausmacht, erwiesen sich dagegen als unbedenklich. Durch entsprechende Führung der Bewetterung konnten die besonders in größeren Tiefen des Bergwerks herrschenden Temperaturen auf 20 bis 29° C gesenkt werden. Bereits ein halbes Jahr später wurden stillgelegte Kalisalzbergwerke in Lehrte, Godenau, Dingelstedt, Herfa, Neuhof und Obergebra vom Oberkommando des Heeres übernommen und den zuständigen Feldzeugkommandos zur Herrichtung für die Munitionslagerung übergeben. Diese und alle weiteren Heeresmunitionsanstalten in stillgelegten Salzbergwerken erhielten zur Unterscheidung von offenen den Zusatz (Bw) für Bergwerk . In der Kurzform wurden sie als HMa (Bw) oder Muna bezeichnet.
Gegenüber den bis zu diesem Zeitpunkt benutzten offenen Munitionsanstalten hatten die in ehemaligen Salzbergwerken untergebrachten erhebliche Vorteile aufzuweisen: Eine offene Munitionsanstalt mit 80 Lagerhäusern durfte nach den damaligen Bestimmungen nur 1200 t Pulver oder Sprengstoff aufnehmen. Die Munitionshäuser mussten einen bestimmten Sicherheitsabstand untereinander haben, so dass für eine solche Munitionsanstalt ca. 200 ha Fläche benötigt wurden.

Eine Munitionsanstalt (Bw) benötigte erheblich weniger Land, da die Munition unter Tage eingelagert wurde und ihr Fassungsvermögen erheblich größer war. In einer einzigen Kammer konnten bis zu 100 t Munition trocken und sicher vor eventuellen Luftangriffen gelagert werden. Hinzu kam , dass der Ausbau der Lagerkammern unter Tage erheblich kostengünstiger vorgenommen werden konnte. Für den Ausbau einer Kammer mit 100 t Fassungsvermögen mussten einschließlich der Zufahrtstrecke ca. 1000m 3 Steinsalz geschossen werden. Das kostete in den Jahren 1938 bis 1940 durchschnittlich 20 000RM. Allerdings hatte die Verwendung stillgelegter Salzbergwerke auch Nachteile Die gesamte eingelagerte Munition konnte gewöhnlich nur durch einen Schacht nach über Tage befördert werden. Durch Umbau der Fördereinrichtungen war es aber möglich, bei gleichbleibender Schnelligkeit der Schachtförderung einen Munitionszug mit 30 Waggons innerhalb von zwölf Stunden zu beladen.

Der Bedarf an Munitionsanstalten wurde mit der beschleunigten Aufrüstung des Heeres immer größer. Dabei gingen zunehmend große landwirtschaftlich genutzte Flächen verloren. Um dies zu verhindern , bot sich die Nutzung stillgelegter , aber auch noch fördernder Salzbergwerke an. (Linner)

Munitionsanstalten in stillgelegten Kalibergwerken
Zur Einlagerung von Munition und anderen militärischen Gütern nutzte die Wehrmacht insgesamt 25 stillgelegte Salzbergwerke mit 48 Schächten. ( Hoffmann )

Munitionsanstalt Schächte

Revier : Hannover
Ahrbergen Fürstenhall
Diekholzen Hildesia, Mathildenhall
Freden Hohenzollern, Meimershausen
Godenau Desdemona I und II
Hänigsen Riedel
Hambühren Prinz Adalbert, Hambühren
Heidwinkel Heidwinkel I und II
Hülsen Wilhelmine, Karlsglück
Lehrte Hugo, Erichssegen
Sehnde Hohenfels, Carlshall
Volpriehausen Wittekind, Hildasglück
Walbeck Buchberg, Walbeck

Revier: Magdeburg / Halberstadt
Aschersleben Aschersleben VI und VII
Dingelstedt Wilhelmshall I, Dingelstedt
Leopoldshall Friedrichshall I und II
Staßfurt Ludwig II, I und II
Tarthun Brefeld und Tarthun

Revier: Südharz
Bernterode Preußen, Sachsen
Kleinbodungen Althans I und II
Obergebra Gebra, Lohra
Sondershausen Glückauf III und IV
Wolkramshausen Ludwigshall, Immenrode

Revier: Werra
Berka Alexandershall I und II
Herfa Herfa, Neurode
Neuhof Neuhof, Ellers

Das Kalisalzbergwerk Wittekind – Hildasglück
Bei Probebohrungen im östlichen Bereich der Gemarkung Volpriehausen war man zwischen 1896 und 1898 kalifündig geworden. Im Jahre 1898 begannen die Abteufarbeiten für den geplanten Schacht „Justus I“, der 1921 in „Wittekind“ umbenannt wurde. Im Frühjahr 1901 wurde die Endteufe von 558 m erreicht. Zwischen 470 und 550 m Teufe wurden mehrere Kali – und Steinsalzflöze durchteuft. Die Hauptfördersohle wurde in 540 m Teufe angelegt.

Weitere Probebohrungen in den Jahren 1906 und 1909 in der benachbarten Gemarkung Ertinghausen wurden in 576 und 903 m Teufe kalifündig . Daraufhin beschloss man, einen Schacht abzuteufen, der den Namen „Hildasglück“ erhielt. Die Schachtröhre erreichte eine Endteufe von 949 m. Die Fördersohle wurde in 917 m Teufe eingerichtet. (Slotta) Wegen der Kriegsereignisse ging der Schacht „Hildasglück“ erst im Jahre 1919 in Förderung.
Übertage wurden beide Schächte, die ca 1800 m in Luftlinie voneinander entfernt waren, durch eine Seilbahn miteinander verbunden. Unter Tage wurde die Verbindung zwischen beiden Schächten mit Hilfe eines Blindschachtes von der 540 m – Sohle zur 786 m – Sohle hergestellt. Die 786 m – Sohle des Schachtes „Wittekind“ entsprach der 917m – Sohle des Schachtes „Hildasglück“, da zwischen beiden Schachtanlagen eine Höhendifferenz von 131 m besteht.

Das Kalisalzbergwerk „Wittekind“ besaß ausgedehnte Übertageanlagen, zu denen eine elektrische Zentrale mit drei Kolbendampfmaschinen, eine Saline zur Verarbeitung der geförderten Salze und eine Chlorkalium- und Sulfatfabrik gehörten. (Herbst : 750 Jahre))
Abgebaut wurden hauptsächlich Hartsalz, das aus einem Gemenge von Steinsalz, Sylvin, Kieserit und Ton zusammengesetzt ist, und nach 1921 Steinsalz und Kainit.
Anfänglich arbeiteten etwa 800 Bergleute und Angestellte im Werk. Bedingt durch den stärkeren Einsatz von Maschinen und modernen Abbautechniken und durch Absatzprobleme auf dem Weltkalimarkt sank die Anzahl der Beschäftigten bis auf 220 zu Beginn der dreißiger Jahre. Die Doppelschachtanlage „Wittekind – Hildasglück“ gehörte seit 1921 zur „Burbach Kaliwerke AG“ in Magdeburg.( AKBM I)

Die Einstellung der Förderung und Übergabe an die Wehrmacht
Aus einem Brief des Direktors Albrecht der Burbach Kaliwerke AG geht hervor, dass bereits 1936 eine Befahrung der Schachtanlage „Wittekind – Hildasglück“ durch Vertreter des zuständigen Feldzeugkommandos stattgefunden hatte. Aus nicht genannten Gründen hatte sich die Schachtanlage aber als ungeeignet für den geplanten Verwendungszweck als Heeresmunitionsanstalt erwiesen. Trotz der ablehnenden Haltung der Wehrmacht setzte sich Albrecht weiter für die Nutzung als Munitionsanstalt ein, da „Wittekind für die deutsche Kaliwirtschaft durchaus entbehrlich wäre und seine Übernahme für die Gesamtbelegschaft (des Konzerns) eine große Erleichterung bedeuten würde.“ Die Gesamtbelegschaft des Burbach Konzerns konnte nach Aussagen Albrechts im Durchschnitt der Jahre 1934 bis 1936 im Jahresdurchschnitt nur elf Monate beschäftigt werden. Diese „überaus ungünstige Wirtschaftslage würde mit einem Schlag behoben, wenn „Wittekind – Hildasglück dem gedachten Zweck … zugeführt würde“. Albrecht ging bei Annahme seines Vorschlags davon aus, dass „erfahrungsgemäß rund 120 Mann auf dem Werk bleiben“.

Die Bemühungen der Burbach Kaliwerke AG, die Schachtanlagen in Volpriehausen der Wehrmacht zur Verfügung zu stellen, blieben nicht ohne Erfolg. Mit Wirkung vom 1. Juli 1937 wurden die Über – und Untertageanlagen des Werkes „Wittekind – Hildasglück“ an die Wehrmacht zur Errichtung einer Heeresmunitionsanstalt bis zum 31. 12. 1953 vermietet. (AKBM II)

Die Übertageanlagen
Nach der Übergabe der Anlagen an die Wehrmacht im August 1938 begannen umfangreiche Abbruch – und Neubauarbeiten. Die Salinen- und Fabrikationsgebäude und die Kaue wurden abgerissen. An ihrer Stelle wurden drei große Lagerhäuser und eine neue Kaue errichtet. Die ehemalige Salzmühle und der Rohsalzspeicher wurden zu Lagerhäusern umgebaut. Das alte Schachtgerüst wurde abgerissen und durch ein neues, leistungsfähigeres ersetzt. (AKBM II) An der Nordostgrenze des Werkes wurden Grundstücke für die Errichtung von vier sogenannten Gemeinschaftshäusern gekauft. Vor dem Westtor wurden drei Holzbaracken als behelfsmäßige Unterkünfte aufgestellt. ( Nds. HStA H , Hann 180)
Das Heeresbauamt Hildesheim, das für die gesamte Baumaßnahme 1110012 – Standort Volpriehausen zuständig war , begann 1939 mit der Planung des Fertigungsgebiets (F- Gebiet) am Ostrand des Dorfes. Dort sollte die Munition gefertigt und anschließend über eine Stichstraße mit Lastwagen zur Einlagerung in die unterirdischen Lagerkammern im ehemaligen Bergwerk mit transportiert werden. Der besseren Tarnung wegen wurden dort mitten in den Hochwald zwölf Gebäude und eine Trafo – Station gebaut. Die gesamten Werksanlagen und das F – Gebiet wurden über eine zentrale Wasserversorgung versorgt und besaßen eine eigene Kläranlage.

Der Untertagebereich
Auf der 605 m – Sohle traten immer wieder Laugenzuflüsse auf. Ende April 1937 beauftragte
deshalb der Reichswirtschaftminister die Preußische Geologische Landesanstalt in Berlin mit der Erstellung eines Gutachtens . Dabei wurden Zuflüsse von 75 l / min gemessen, die bis zum August auf 25 l / min zurückgingen und in dieser Größenordnung keine Gefahr für die Sicherheit des Bergwerks bildeten. Da nicht alle leergeförderten Abbaue mit Versatz gefüllt worden waren, kam es auf derselben Sohle zu Zusammenbrüchen von Abbauörtern und Strecken. Dadurch war der Hauptwetterweg zum ausziehenden Schacht „Hildasglück“ nicht mehr befahrbar Aus Sicherheitsgründen nahm man deshalb den Holzausbau der betroffenen Stellen vor. Nach diesen Sicherungsmaßnahmen unter Tage konnte der weitere Ausbau begonnen werden.( AKBM II)

Auf den 540 m und 917 m – Sohlen sprengte bergmännisches Personal bis März 1941 160 Munitionskammern in das standfeste Steinsalz. Die Kammern wurden nach Vorgaben der Leitung der Munitionsanstalt in zwei verschiedenen Größen herausgesprengt. Die großen Kammern hatten eine Größe von 18 x 22, 5 m und eine Höhe von 2,5 m und waren für eine Lagerkapazität von bis zu 100 t Pulver oder fertiger Munition projiziert. Die kleineren Kammern mit den Abmessungen von 10 x 18 m für die Lagerung von bis zu 50 t Pulver oder Munition vorgesehen. Die großen Kammern hatten jeweils einen Abstand von 19 m , die kleineren von 15 m von der nächsten Kammer. Eine elektrische Schmalspurbahn mit ca 200 Förderwagen bediente die Munitionskammern. Die Kammern hatten keine elektrische Beleuchtung. Sie durften nur mit schlagwettersicherem Akkugeleucht betreten werden. (AKBM II)

Der weitere Ausbau der vorhandenen Munitionsanstalten für die Verlagerung von Fertigungen
Die Aufnahmekapazität der einzelnen Munitionsanstalten war ursprünglich auf 10 000 t Munition ausgelegt, die der Heeresmunitionsanstalt Volpriehausen auf 13. 000 t. Doch infolge der enormen Rüstungsanstrengungen und des Verlaufs des Kriegsgeschehens wich man bald von diesen Vorgaben ab. .„Es müßten Wege gefunden und gesucht werden, , die die Verlagerung von Fertigungen schnellstens ermöglichen“, heißt es in einem geheimen Besprechungsprotokoll des Oberkommandos der Wehrmacht vom 15. März 1944. Nach den bisherigen Überprüfungen war allerdings kein einziges von der Wehrmacht genutztes Kalibergwerk hierfür zu verwenden. Wegen der Dringlichkeit der Angelegenheit einigte man sich schließlich darauf, die stillgelegten Kalibergwerke Beienrode I und II bei Königslutter, Bernsdorf – Burggraf, Walbeck – Buchberg und Wittekind Volpriehausen erneut zu überprüfen. (AKBM II)
Trotz der Ablehnung des Oberkommandos des Heeres bemühte sich das Rüstungsamt beim
„Reichsministerium Rüstung und Kriegsproduktion“ weiter darum, „dass nicht voll ausgelastete Heeresmunitionsanstalten für die dringliche Verlegung von Fertigungen“ zur Verfügung gestellt wurden. Im Schreiben des Rüstungsamtes vom 22. Mai 1944 an das OKW werden Dingelstedt, Alexanderhall – Berka, Ellers – Neuhof und Wittekind Volpriehausen hierfür vorgeschlagen. Begründet wurde das erneute Gesuch mit der „Notwendigkeit, wichtige Fertigungen, die kriegsentscheidend sein können, beschleunigt unter die Erde zu bringen“. Dafür „müssen alle sofort benutzbaren Räume herangezogen werden, soweit dies bei Abwägung der Wichtigkeit der widerstrebenden Belange irgend vertretbar ist.“ Die Heeresmunitionsanstalt Volpriehausen war in diesem Zusammenhang für „dringendste Engpassfertigung“ vorgesehen. (AKBM II)

Nach der Genehmigung dieser Engpassfertigung wurden weitere Munitionskammern und Arbeitsräume auf den 540 m und 917 m – Sohlen ausgesprengt. Insgesamt sollten bis zu dreihundert Lagerkammern vorbereitet werden, die allerdings nicht mehr alle fertiggestellt wurden. Damit war Volpriehausen mit einer geplanten Lagerkapazität von 30.000 t die größte Heeresmunitionsanstalt (Bw) im Deutschen Reich.

Organisationsstruktur und Spezialisierung
Anfänglich unterstand die Heeresmunitionsanstalt Volpriehausen dem Feldzeugkommando IX in Kassel, das zum Zuständigkeitsbereich des Wehrbereichskommandos Hannover gehörte. Am 1. Mai 1938 wurden alle Heeresmunitionsanstalten (Bw) dem neugeschaffenen Feldzeugkommando XXX in Kassel unterstellt.
Für die Munitionsfertigung und Lagerung in den einzelnen Heeresmunitionsanstalten (Bw) unterstanden dem Feldzeugkommando XXX etwa 600 Offiziere und Unteroffiziere, 1000 Angestellte und zwischen 18 000 und 25 000 Arbeiterinnen und Arbeiter, die in Zehnstundenschichten Tag und Nacht – auch an Sonntagen arbeiten mussten.
Die Leitung der Heeresmunitionsanstalten bestand ausschließlich aus militärischem Fachpersonal des Munitions – und Gerätewesens: Waffenoffiziere – erkennbar am Kürzel „W“ hinter ihrem Dienstrang – Feuerwerker – und Schirrmeisterpersonal. Die meisten von ihnen waren Ingenieure mit einer waffentechnischen Zusatzausbildung. Für den Einsatz in stillgelegten Salzbergwerken mussten sich die Waffenoffiziere einer bergmännischen Zusatzausbildung unterziehen. (Linner)

Der Vorstand der Heeresmunitionsanstalt – ein Offizier im Hauptmannsrang – trug die alleinige Verantwortung für die Fertigung und Einlagerung der Munition.
Während der Aufbauphase leitete Hauptmann (W) Bardusch die Muna Volpriehausen. Am 13. Januar 1942 übernahm Hauptmann (W) Wilhelm Peters die Leitung. Ihm stand als Bergfachmann der Bergingenieur Obersteiger Mahrahrens zur Seite. Er war Vorgesetzter des bergmännischen Personals. Seine vorgesetzte Dienststelle war das Oberbergamt Clausthal –
Zellerfeld. Nur ihr gegenüber war er verantwortlich.
Der Stab der Heeresmunitionsanstalt bestand aus fünf Abteilungen, die für die Bereiche Materialbeschaffung, Einlagerung, Fertigung, Auslieferung und Personal zuständig waren. Insgesamt waren in der Leitung und Verwaltung acht Offiziere, 25 Soldaten und etwa zwanzig weibliche und männliche Zivilangestellte tätig. Zur Bewachung des Fertigungs-geländes und der Munitionsanstalt waren sechzig Angehörige des Landesschutzes aus Göttingen eingesetzt. ( AKBM II)
In den Heeresmunitionsanstalten (Bw) wurde Munition der Kaliber 3,7 cm bis 15 cm gefertigt. In zwei Munitionsanstalten wurden 8 cm Wurfgranaten sowie 15 und 21 cm Granaten gefüllt. In allen Anlagen wurden scharfe und unscharfe Munitionsteile gelagert. Die einzelnen Munitionsanstalten waren auf die Fertigung bestimmter Kaliber spezialisiert.
In Volpriehausen wurden Kartuschen und Granaten des Kalibers 7,5 cm gefertigt und ab 1944 21 cm Wurfgranaten (Wurfkörper) schussfertig gemacht und gelagert. (Linner)

Die Belegschaft
Als die Munitionsfertigung im Sommer 1942 in vollem Umfange anlaufen sollte, fehlten vor allem männliche Arbeitskräfte, da die meisten Männer zur Wehrmacht eingezogen waren. Der Bedarf an männlichen Arbeitskräften war deshalb nicht leicht zu decken.. Um diesen Mangel zu beheben , wurden auf Anforderung vom zuständigen Arbeitsamt nach Möglichkeit zwangsdeportierte Männer aus Polen und der Sowjetunion und Kriegsgefangene bevorzugt den Rüstungsbetrieben zugewiesen. In Volpriehausen wurden vor allem Deportierte und Kriegsgefangene aus Polen, Frankreich, Belgien, der Sowjetunion und Italien (Gegner Mussolinis) eingesetzt. (AKBM II) Auf der Suche nach weiteren Arbeitskräften wies das Arbeitsamt Northeim die Leitung der Munitionsanstalt auch auf Häftlinge des „Jugendschutzlagers“ Moringen (einem Konzentrationslager für männliche Jugendliche) hin. In diesem Lager wurden seit August 1940 Jugendliche aus verschiedenen Gründen inhaftiert. Entgegen zahlreicher Gerüchte handelte es sich aber nach Auskunft der Lagerleitung nicht um „Schwerkriminelle“, sondern um „Zöglinge, die der Besserung bedürfen“ : Bibelforscher (Zeugen Jehovas), „Judenmischlinge“, Zigeuner, Jugendliche, die dem Nationalsozialismus gegenüber negativ eingestellt waren wie die Hamburger Swingboys, Mitglieder der Edelweißpiraten u. a. ,und Leichtkriminelle die wegen leichter Diebstahlsdelikte dort eingewiesen waren. Anfänglich wurden zwischen 60 und 100, seit Ende 1944 bis zu 200 Jugendliche täglich unter SS – Bewachung auf Lastwagen zur Heeresmunitionsanstalt zum zehnstündigen Arbeitseinsatz gebracht. Sie unterstanden während der Arbeit ebenfalls der Aufsicht der SS – Wachmannschaft. Vom 1. Juli 1944 an befand sich in einer der Lagerhallen der Munitionsanstalt ein Außenkommando des „Jugendschutzlagers“, so dass Jugendlichen dort auch übernachten konnten. Dadurch entfiel der aufwendige Transport und die Jugendlichen konnten auch in Nachtschichten eingesetzt werden (AKBM II).

Den zahlenmäßig größten Teil der Belegschaft machten die weiblichen Arbeitsdienst – und Kriegshilfsdienstverpflichteten aus. Die Kriegshilfsdienstverpflichteten wurden anfänglich für ein halbes Jahr, von 1943 an unbefristet, in der Munitionsanstalt eingesetzt. Unter ihnen befanden sich Schauspielerinnen, Sängerinnen und Tänzerinnen der Theater in Hannover und Göttingen, die Ehefrau des Northeimer Landrats und die Ehefrau des Leiters der Heeresmunitionsanstalt. Sie wohnten in den Steinbaracken unterhalb des Munageländes, soweit sie nicht aus Volpriehausen und den umliegenden Dörfern stammten, und erhielten ihr Essen aus einer Zentralküche neben ihren Wohnbaracken. Dort befanden sich auch noch ein Sanitäts – und Veranstaltungsraum. Weiterhin gab es eine größere Anzahl weiblicher polnischer und sowjetischer Deportierter, die zur Unterscheidung von den anderen Arbeitskräften „P“ – bzw. „Ost“ – Aufnäher an ihren Kleidungsstücken tragen mussten. Sie durften keinen Kontakt zu ihren deutschen Kolleginnen pflegen und wohnten in Holzbaracken außerhalb des Munageländes.

Während des Krieges wurde die Waffenwerkstatt II aus Hannover, eine Instandsetzungs-
werkstatt für Infanteriewaffen und optisches Gerät, nach Volpriehausen ausgelagert. Sie wurde unter Tage in einer großen Lagerkammer einquartiert. Dort arbeiteten neben einigen deutschen Spezialisten 120 kriegsgefangene französische Büchsenmacher , Feinmechaniker und Optiker. (AKBM II)
Offizielle Angaben über die Gesamtzahl der Belegschaftsmitglieder liegen nicht mehr vor.
Nach der bereits erwähnten Aufstellung Linnes über den Personalbestand des Feldzeugkommandos XXX lassen sich durchschnittlich pro Munitionsanstalt 1000 bis 1100 Beschäftigte ermitteln. Für Volpriehausen lassen sich auf Grund bekannter Angaben bis zu 1230 Beschäftigte rekonstruieren:
Ca. 200 – 300 Mitglieder des weiblichen Arbeitsdienstes
Ca . 500 Kriegshilfsdienstverpflichtete
Ca. 60 – 200 Häftlinge des „Jugendschutzlagers“ Moringen
Ca. 100 weibliche Deportierte aus Polen und der Sowjetunion
Ca. 30 Kriegsgefangene aus der Sowjetunion
Ca . 50 – 100 Kriegsgefangene aus Belgien, Frankreich (Marokkaner) und Italien

Die Fertigung
Im Frühjahr 1940 begann in den Munitionsarbeitshäusern 1 und 2 im F – Gebiet die Fertigung von Kartuschen des Kalibers 7, 5 cm Infanteriegranaten. Die Munitionsarbeitshäuser waren langgestreckte massive Steingebäude. Der Boden im Fertigungsraum war mit Linoleum bedeckt. Darüber lagen lange Teppiche. Zu beiden Seiten eines schmalen Transportbandes saßen Frauen auf gefederten Drehstühlen in Kabinen. Diese Kabinen waren zum Band hin offen , an beiden Seiten aber durch Plexiglas -–oder Holzwände von den Nachbarkabinen abgetrennt. Die für die Fertigung benötigten Teile wurden mit der Bahn angeliefert und im F – Gebiet gelagert. An beiden Seiten der Munitionsarbeitshäuser befanden sich mehrere kleine Räume, in denen jeweils das Pulver, die Kartuschen, die Zündschrauben und Kleinteile für den Bedarf von zwei bis drei Tagen bereitgestellt wurden. Das Pulver bestand aus ca. 1 mm dünnen, siebartig durchlöcherten runden Plättchen und wurde in Holzkisten angeliefert.

In einer Halle arbeiteten 80 bis 120 Frauen. Für schwere Transportarbeiten standen pro Fertigungsgebäude drei bis vier männliche Arbeitskräfte zur Verfügung. Die Aufsicht führte ein Feuerwerker. Bis Ende 1942 waren dort überwiegend Reichsarbeits – und Kriegshilfs-
dienstverpflichtete tätig. Danach wurden verstärkt Deportierte und Kriegsgefangene eingesetzt. Deutsche und ausländische Frauen arbeiteten zusammen am selben Band. An besonders wichtigen Arbeitsplätzen saßen jedoch stets Deutsche. Während der Arbeit war es eigentlich verboten, miteinander zu sprechen. Doch dieses Verbot wurde in Volpriehausen wohl nicht so streng gehandhabt. Es ist bekannt, dass viele Frauen, vor allem polnische und sowjetische, während der Arbeit sprachen und auch sangen.

Bis zum Sommer 1942 wurden in Volpriehausen neben Kartuschen mit fünf Ladungen auch sogenannte Sonderkartuschen mit sechs Ladungen und einem Aufschlagzünder für die Panzergranate 7, 5 cm Infanteriegranate 38 gefertigt. Seit 1942 wurden auch die zur Kartusche Kaliber 7, 5 cm Infanteriegranate 18 gehörenden Granaten in Volpriehausen schussfertig gemacht. Dies geschah jedoch nicht mehr im F – Gebiet, sondern unter Tage auf der 540 m Sohle. Dort befanden sich drei Munitionsarbeitsräume (MAR), die ähnlich ausgerüstet waren wie die Munitionsarbeitshäuser im F – Gebiet über Tage. Die Arbeitsräume waren sehr geräumig und taghell beleuchtet. Die Platten der ca. 90 cm breiten Tische bestanden aus massiven Holzbohlen. Ein Transportband war nicht vorhanden.
In einer Zehnstundenschicht wurden 400 bis 500 Granaten schussfertig gemacht.
Im Munitionsarbeitshaus 4, wurden Granaten des Kalibers 7, 5 cm Infanteriegranate 38 HLA schussfertig gemacht, im Munitionsarbeitshaus 5 wurden Treibsätze für Granatwerfer abgewogen und in Kunstseidenschläuchen verpackt.
Aus der Tagesproduktion wurden je drei Kartuschen, Granaten oder Patronen zur Erprobung an den Truppenübungsplatz Altengrabow weitergeleitet.
Zwischen November 1943 und März 1944 wurde aus Furcht vor Bombenangriffen die gesamte Fertigung nach und nach in den Untertagebereich verlagert. Nach Abschluss der Verlegung der Fertigung wurden in Volpriehausen die Kartuschen und Granaten des Kalibers 7, 5 cm Infanteriegranate 38 mit Sonderladung zur schussfertigen Patrone verbunden (AKBM II) Die gefertigte Munition wurde in speziell zusammengestellten Munitionszügen, die gewöhnlich aus 30 Waggons zu je 15 t Munition bestanden, an die Bestimmungsorte transportiert.
Im Verlaufe des Jahres 1944 häuften sich die Klagen über unbrauchbare Kartuschen und Granaten. Man vermutete Sabotageakte der in der Munitionsanstalt Beschäftigten. Während der Fertigung war es ziemlich einfach, in einem unbeobachteten Augenblick zwischen Zünder und Sprengkapsel ein Stückchen Papier oder Brotkrumen aus dem Mund dazwischenzudrücken. Ich nehme an, dass die Versetzung des Leiters der Munitionsanstalt, Hauptmann Peters, an die Ostfront zum 1. 10. 1944 im Zusammenhang mit dieser Häufung von Sabotageakten und dem gespannten Verhältnis zur Leitung des „Jugendschutzlagers“ Moringen wegen zu guter Behandlung der Häftlinge zu sehen ist. Die Versetzung Peters kam jedenfalls für alle sehr überraschend. Sein Nachfolger wurde Hauptmann F. Dannhausen. (AKBM II)

Einlagerungen wertvoller „Kulturgüter“
Im Februar 1944 empfahl die Bezirksregierung Hildesheim dem Rektor der Universität Göttingen die Einlagerung wertvollen Bibliotheksguts und der Sammlungen einzelner Institute im ehemaligen Kalibergwerk „Wittekind“ in Volpriehausen. (Herbst: 750 Jahre) Angesichts der zunehmenden Angriffe alliierter Bomberverbände auf deutsche Städte sollten durch diese Maßnahme wertvolle Kulturgüter vor der Vernichtung bewahrt werden.
Die Einlagerung begann am 7. März und dauerte bis zum 27. Mai 1944. In 24 Eisenbahnwaggons wurden aus der Universitätsbibliothek ca. 60 000 Bücher und Zeitschriftensammelbände und aus verschiedenen Instituten weitere 300 000 Bücher nach Volpriehausen gebracht. Hinzu kamen noch Privatbibliotheken und Sammlungen einzelner Professoren. Die Bücher, Zeitschriften und Sammlungen wurden auf 660 m – Sohle eingelagert, da man sie dort besonders sicher aufgehoben glaubte. Die 660 m – Sohle lag unterhalb der von vom Militär genutzten 540 m – Sohle und war nicht elektrifiziert. Die Bestände wurden dort waggonweise in der Reihenfolge des Eingangs gestapelt und, soweit sie nicht in Kisten verpackt waren, auf Bretterunterlagen aufgestellt und mit Papier abgedeckt. Sie nahmen insgesamt eine Fläche von 600 m 2 ein. (AKBM III)
Aus dem Landkreis Rees am Niederrhein wurden auf mehreren Militärlastwagen 20 t Akten der Wasser – und Schiffahrtsdirektion Kleve und anderer Behörden sowie Akten der Archive Wesel, Emmerich und Rees nach Volpriehausen gebracht.
Verschiedene Museen, Archive und Kirchengemeinden brachten wertvolle Archivalien und Ausstellungsstücke in Volpriehausen in Sicherheit. Die Münzensammlung und verschiedene
Urkunden des Northeimer Archivs, Moringer Kirchenakten, Teile der farbigen Glasfenster der Uslarer St. Johanniskirche u.v.m. wurden ebenfalls auf der 660 m – Sohle eingelagert. Ehemalige Häftlinge des „Jugendschutzlagers“ Moringen berichten von zahlreichen, oft nur notdürftig verpackten Gemälden, Ausstellungsstücken und Urkunden der Universität Krakau, die teilweise – wohl aus Platzmangel – auch auf der 540 m – Sohle lagerten.

Nach längeren Verhandlungen zwischen der Universität Königsberg und ihrer Patenuniversität Göttingen wurden im Herbst 1944 zwei kleine Kisten mit den wertvollsten Stücken der Bernsteinsammlung des Paläontologischen Instituts der Universität Königsberg und zehn große Kisten mit geologischen und paläontologischen Objekten nach Volpriehausen gebracht. Die Bernsteinsammlung umfasste 10 000 Stücke, einem Zehntel der gesamten Königsberger Sammlung.
Die beiden Kisten wurden dem Leiter des Grubenbetriebs, Obersteiger Mahrahrens persönlich übergeben und an einer schwer zugänglichen Stelle deponiert. Sie befinden sich heute in der Obhut der Universität Göttingen. (AKBM III)
Seit den siebziger Jahren und verstärkt wieder seit 1999 werden in deutschen und ausländischen Zeitungen immer wieder Vermutungen geäußert, dass zumindest einige Panneaus des Bernsteinzimmers aus dem ehemaligen Zarenschloss Zarskoje Selo bei Leningrad kurz vor der Einnahme Königsbergs durch sowjetische Truppen von dort nach Volpriehausen transportiert worden seien. Nach dem Raub des Bernsteinzimmers durch sogenannte Kunstschutzoffiziere der deutschen Wehrmacht im Jahre 1941 war es längere Zeit im Königsberger Schloss ausgestellt. Nach in letzter Zeit veröffentlichten Forschungsergebnissen kann man jedoch davon ausgehen, dass beim Brand des Königsberger Schlosses zumindest die Sockelteile des Bernsteinzimmers verbrannt sind. (Wermusch)

Die Situation der Heeresmunitionsanstalt in den letzten Kriegsmonaten bis zur Einstellung der Fertigung
Die Laborierung, Verpackung und der Versand der Munition verliefen bis Ende 1944 nicht mehr ganz reibungslos. Häufige Fliegeralarme bei Tag und Nacht und das Überfliegen des Geländes von alliierten Flugzeugen führten immer wieder zu Störungen des Übertagebetriebs, besonders bei der An – und Abfahrt auswärtiger Arbeiter und Angestellter. Es gelang aber dennoch meistens , die geplanten Lieferungen abzufertigen und die Munitionszüge zu beladen. (AKBM II)
Ab Februar 1945 kam es zu spürbaren Störungen des Arbeitsablaufs, da die Anlieferung von Zündern und Pulver unzureichend war. Die Fertigung kam dadurch erheblich ins Stocken, obwohl genügend Arbeitskräfte zur Verfügung standen. Zeitweise mussten sogar Arbeitsdienstverpflichtete beurlaubt werden. Gezielte Angriffe auf die Munitionsanstalt fanden nicht statt. Es gab jedoch vereinzelte Brandbombenabwürfe auf Munitionszüge, bei denen auch bei Moringen ein Zug getroffen wurde. Zum Schutz der Belegschaft vor Bombenangriffen waren in der Rückstandshalde des Werkes „Wittekind“ einige Schutzräume hergerichtet worden.
Seit der zweiten Hälfte des Jahres 1944 mussten die deutschen Truppen im Osten vor der sowjetischen Übermacht immer mehr zurückweichen. Aus aufgegebenen Munitionslagern wurden deshalb Transporte mit Räumungsgut und nicht mehr abzusetzende Munitionszüge nach Volpriehausen umgeleitet und die Munition dort eingelagert. Aus Ungarn trafen z.B. in Begleitung ungarischer Miltärangehöriger große Mengen Schießpulver ein. Die Einlagerung dieser unerwarteten Transporte konnte mit der Entladung der Waggons nicht Schritt halten. Die Kisten mussten zeitweise auf der 540 m – Sohle zwischengelagert werden, ehe sie in die dafür vorgesehenen Kammern gebracht werden konnten.
Ende März 1944 sah sich die Leitung der Munitionsanstalt infolge der sich ständig verschlechternden militärischen Lage Deutschlands gezwungen, Maßnahmen für den bevorstehenden Einmarsch amerikanischer Truppen zu treffen. Anordnungen übergeordneter Dienststellen lagen hierfür nicht vor. Die kampffähigen Soldaten wurden mit leichter Bewaffnung zu einer Kampfgruppe zusammengefasst, die in dem der Munitionsanstalt gegenüberliegenden Waldstück eine gesicherte Lagerstellung errichten und die Ankunft der Amerikaner erwarten sollte. Ältere Offiziere wurden entlassen, auswärtigen Zivilisten und dem deutschen Stammpersonal wurde nahegelegt, sich nach Hause abzusetzen. (AKBM II) Am 4. April 1945 wurde das Außenkommand0 des „Jugendschutzlagers“ Moringen aufgelöst. Ein Teil der Häftlinge erhielt Einberufungsbescheide zu einer Einheit in Wolfenbüttel, einige wurden nach Moringen zurückgebracht, eine kleine Gruppe geriet auf ihrem Evakuierungs- marsch bei Vorsfelde in amerikanische Gefangenschaft. (Kohrs / Guse)
Beim Verlassen der Munitionsanstalt wurde die Förderanlage außer Betrieb gesetzt, um das Eindringen von Plünderern zu verhindern, und sämtliche geheimen Unterlagen verbrannt.
Das unbefugte Eindringen ortskundiger Einwohner und Fremdarbeiter konnte jedoch nicht verhindert werden. Hierdurch entstand eine erhebliche Gefährdung der Plünderung und auch der Bevölkerung, da die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften nicht mehr gewährleistet war.
Am 10. April 1945 besetzten Angehörige der 104. US – Division, von Uslar kommend , Volpriehausen, ohne dass es dabei zu Kampfhandlungen mit der Kampfgruppe der Munitionsanstalt kam. Die Soldaten der Kampfgruppe verließen kurz danach ihre unentdeckt gebliebene Stellung und setzten sich nach ordnungsgemäßer Entlassung in Zivilkleidung – soweit möglich – in ihre Heimatorte ab. (AKBM II)

Die Übernahme der Heeresmunitionsanstalt durch britische Truppen – Die Explosionskatastrophe vom 29. / 30. September 1945
Nach dem Abzug der amerikanischen Truppen rückten Anfang Juli 1945 Angehörige des 2 nd Battalion der Royal Scots Fusileers – aus Magdeburg kommend – in Volpriehausen ein. Sie wurden durch Angehörige der in Hänigsen stationierten 76 Depot Control Company verstärkt.
Ihre Aufgabe bestand hauptsächlich in der Bewachung und Bergung der in ehemaligen Kalibergwerken eingelagerten Kunstschätze und Munition. Hauptmann (W) a. D. Wilhelm Beinroth wurde als Betriebsführer des Bergwerks eingesetzt. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die eingelagerten Kunstschätze, Archivalien und die Munitionsvorräte mengenmäßig zu erfassen und ihre Räumung vorzubereiten. Nach seinen Schätzungen befanden sich noch zwischen 15 und 20 000 t Munition unter Tage. (AKBM IV)
Bei der ersten Befahrung der Untertageanlagen konnte Beinroth in bergtechnischer Hinsicht
keine Gefährdungen feststellen. Der Zustand der eingelagerten Munition und Munitionsteile stellte jedoch für das Bergwerk ein kaum einschätzbares Gefahrenpotential dar, weil die Munition nicht mehr vorschriftsmäßig verpackt war, viele Packgefäße aufgebrochen waren und ihr Inhalt in den Kammern und auf den Strecken ausgeschüttet worden war. Überall wurden Spuren von eingedrungenen Menschen festgestellt wie Reste von Nahrungsmitteln und Kerzenstummel. Nach Rücksprache mit den Briten wurden deshalb unverzüglich die lückenlose Bewachung des Geländes und die Abschaltung des beschädigten Starkstrom-kabels, das den Untertagebereich mit Strom versorgte , beschlossen. Dennoch ließen die Plünderungen der Einheimischen und der noch im Dorf verbliebenen Fremdarbeiter kaum nach, da die unter Tage eingelagerten Lebensmittel und Zigaretten – und Spirituosenvorräte sehr verlockend waren. (AKBM IV)
In der Nacht vom 28. Auf den 29. September 1945 wurde die Bevölkerung Volpriehausens und der Nachbardörfer gegen 1. 41 Uhr unsanft aus dem Schlaf gerissen. Heftige Explosionen erschütterten das Grubengebäude der Schachtanlage „Wittekind“. Im Laufe des Tages und der folgenden Nacht griffen die Explosionen auch auf „Hildasglück“ über. Innerhalb weniger Stunden wurden die stählernen Fördergerüste beider Schachtanlagen völlig zerstört. Tonnen-
schwere Teile des Gerüsts, der Ausmauerung und der Tübbinge wurden hunderte von Metern durch die Luft geschleudert. Dabei wurden fünf polnische Fremdarbeiter und Fremdar bei -terinnen in ihren Baracken und zwei Feuerwehrleute erschlagen. Zeitweise erreichten die Feuersäulen über beiden Schachtröhren eine Höhe von mehr als 100 Metern. Löschversuche zahlreicher Feuerwehren blieben erfolglos (AKBM IV)).

Die Explosionsursache ist bis heute nicht genau geklärt. Grubenbetriebsführer Beinroth geht in einem Bericht aus dem Jahre 1945 davon aus, dass freigesetztes Methangas in einer Größenordnung von zwei bis drei Millionen Kubikmetern, das durch Plünderer am Fördergerüst entzündet wurde, die Explosionen ausgelöst hat. In Volpriehausen hatte es bereits früher mehrmals Ausbrüche von Methangas gegeben, so dass diese Annahme durchaus glaubhaft erscheint. Aus anderen Gutachten geht hervor, dass das Eindringen plündernder Einheimischer und Fremdarbeiter als mögliche Ursache für die Explosionen in Betracht gezogen wurde. Große Teile der Dorfbevölkerung gingen von einem Racheakt der polnischen und sowjetischen Fremdarbeiter im Dorf aus. (AKBM IV) In Akten und auf einem Grubenplan finden sich Hinweise darauf, dass die Munitionsanstalt Volpriehausen wie andere Rüstungsbetriebe der Kategorie I gesprengt werden sollte. Offenbar war mit den Vorbereitungen für die Sprengung zum Zeitpunkt der Explosion bereits begonnen worden. Englischsprachige Notizen und einige polnische Namen auf einem im Nachlass des letzten Bergwerksdirektors gefundenen Grubenplan scheinen diese Annahme zu bestätigen. . Sie besagen, dass für ein nicht näher bezeichnetes Unternehmen 2000 m Zündschnur, vier Kisten TNT- Sprengstoff und 200 Zündkapseln benötigt wurden. Auf der 917 m – Sohle befanden sich zwischen dem Blindschacht 786 / 917 m und dem Schacht „Hildasglück“ nur wenige Munitionskammern, so dass sich das Feuer zwischen ihnen nicht ohne fremde Hilfe hätte ausbreiten können, da Salz nicht brennbar ist. Man musste also mit Hilfe von Zünddraht und in regelmäßigen Abständen angebrachten Sprengladungen die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sich das Feuer entsprechend ausbreiten konnte. Diese Vorarbeiten wurden im britischen Auftrag wohl von polnischen Fremdarbeitern ausgeführt. (AKBM IV) Vermutlich wurden die Vorbereitungen zur Sprengung unterbrochen , weil man zuerst die eingelagerten Kunstschätze bergen wollte.

In diesem Zusammenhang sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die Explosionskatastrophe in der Volpriehäuser Muna nicht die einzige blieb. Im April 1945 entstand in der Muna Heidwinkel ein Brand, der durch Plünderer ausgelöst worden war. Ein Übergreifen des Feuers auf die Munitionslagerkammern konnte glücklicherweise verhindert werden. Etwa zur gleichen Zeit konnte ein in der Muna Ahrbergen ausgebrochener Brand ebenfalls noch rechtzeitig gelöscht werden. Am 18. Juni 1946 explodierten in Hänigsen 11 000t Spreng-stoff während einer Bergungsaktion unter Tage. 80 Personen fanden dabei den Tod. In Godenau explodierten am 28. Oktober 1947 3400 t Sprengstoff, die noch unter Tage einge-lagert waren, ohne dass dabei Menschen zu Schaden kamen.
In der sowjetischen Besatzungszone wurden am 26. Oktober 1946 die Schächte der Muna Walbeck gesprengt, so dass die Anlage absoff. (Hoffmann)

Bergungsversuche eingelagerten Kulturguts – Die endgültige Aufgabe der Schachtanlage
Im Frühjahr 1946 gelang es nach langwierigen Vorbereitungsarbeiten, den Schacht „Wittekind“ mit einer provisorischen Kübelförderung wieder befahrbar zu machen. Unter Tage bot sich den Bergleuten und Beamten des Bergamts Clausthal-Zellerfeld ein Bild der Zerstörung. Der Schachtausbau beider Schächte war zerstört. Überall waren riesige Salzschalen hereingebrochen. „Man hatte den Eindruck, dass das Gebirge durch gewaltige Druckerscheinungen auseinandergerissen war“, heißt es in einem Bericht des Bergamts. In einigen Munitionskammern lagerten sogar noch die gestapelten Granaten, wie sie eingelagert worden waren. (AKBM IV)
Ende August 1946 gelang es Bergungstrupps, bestehend aus ehemaligen Berg – und Munitionsarbeitern sowie Professoren und Studenten der Universität Göttingen, bis zur 660 m – Sohle vorzudringen und dort nach unzerstörtem Einlagerungsgut zu suchen. Etwa 60 000
Bücher aus den Beständen der Universität Göttingen und ein kleiner Aktenbestand aus Kleve konnten unversehrt geborgen werden. Das übrige Einlagerungsgut war zerstört worden.
Im Herbst 1946 wurden die Grundwasserzuflüsse aus dem Bereich des zerstörten Schachtes
„Hildasglück“ immer stärker, so dass das Wasser auch in der Schachtröhre „Wittekind“ bedrohlich anstieg. Am 22. Oktober 1946 musste die 660 m – Sohle aufgegeben und die Bergungsaktion eingestellt werden.(AKBM IV) Infolge der nicht einzudämmenden Grundwasserzuflüsse sind beide Schachtanlagen zwischenzeitlich „abgesoffen“. Die Schachtröhren wurden mit Deckplatten verschlossen, und die Schachtstümpfe eingezäunt, um unbefugte Besucher fernzuhalten. In der Zeit vom Herbst 2001 bis zum Frühjahr 2002 wurden auf Veranlassung des Bergamts beide Schachtröhren mit Schotter verfüllt und die Schachtstümpfe eingeebnet.

Quellen – und Literaturverzeichnis

Ungedruckte Quellen
Archiv des Kali – Bergbaumuseums, Volpriehausen ( AKBM)
Bestand I Die Bergbau AG Justus I / Wittekind
Bestand II Die Heeresmunitionsanstalt Volpriehausen
Bestand III Einlagerungen von Kulturgut
Bestand IV Die Explosionskatastrophe

Niedersächsisches Hauptstaatsarchiv, Hannover (Nds. HStA H)
Hann. 180 Hildesheim
Nds 211 Hildesheim

Literatur
Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstands und der Verfolgung (1933-1945) Niedersachsen I, Köln 1985, S.37 / 38

Herbst, Detlev, Die Heeresmunitionsanstalt Volpriehausen, in: Arbeitsgemeinschaft Südniedersächsischer Heimatfreunde (Hg), Rüstungsindustrie in Südniedersachsen während der NS – Zeit, Mannheim 1993, S. 38 – 65

Herbst, Detlev, 750 Jahre Volpriehausen, Aus der Geschichte unseres Dorfes, Göttingen 1983, S. 233 – 260

Hoffmann, Dietrich, Elf Jahrzehnte deutscher Kalisalzbergbau, Essen 1972, S. 73 – 75

Kohrs, Andreas und Guse, Martin, Die „Bewahrung“ Jugendlicher im NS – Staat – Ausgrenzung und Internierung am Beispiel des Jugendkonzentrationslagers Moringen und Uckermark, o.O. 1985, S. 266

Linner, Ludwig, Entwicklung, Geschichte und Aufbau der Bergwerk – Munitionsanstalten (HMa – Bw)bis Mai 1943, in: Mitteilungen für die Mitglieder des Bundes Deutscher Feuerwerker e. V., Nr. 3 / Mai 1960, S. 96 – 105

Schenke, O und Müller, H., Heeresmunitionsanstalt (Bw) Volpriehausen, in: Mitteilungen für die Mitglieder des Bundes deutscher Feuerwerker e.V. Nr. 3 / Juni 1983, S. 198 – 200

Slotta, Rainer, Technische Denkmäler in der Bundesrepublik Deutschland, Band 3: Die Kali – und Steinsalzindustrie, Bochum 1980, S. 391 – 400

Wermusch, Günter, Die Bernsteinzimmer – Saga, Spuren, Irrwege, Rätsel, Berlin 1991

Bildnachweis:
Archiv des Kalibergbau-Museums, Volpriehausen
Bestände Müller und Katzmann

Bildbeschriftungen:

1) Stein – und Kalisalzbergwerk „Wittekind“, Volpriehausen, 1937 Seite 2/3
2) Umbau des Fördergerüsts „Wittekind“, 1940 Seite 3
3) Blick in das Fertigungsgebiet, 1945 Seite 6
4) Osttor der Heeresmunitionsanstalt. Im Hintergrund ist das neue Fördergerüst zu sehen. 1941 Seite 4
5) Gebäude des Arbeiterlagers oberhalb der Reichsstraße 241, 1941 Seite5/6
6) Munitionslagerkammer in der Heeresmunitionsanstalt Wolkramshausen am Harz, 1942
Seite 5
7) Plan der Munitionslagerkammern auf den 540 m – und 917 m – Sohlen der Heeres -munitionsanstalt Volpriehausen, 1945 Seite 4/5
8) Militär – und Zivilpersonal der Verwaltung der Heeresmunitionsanstalt, 1941 Seite 5/6
9) Kriegsgefangene und Deportierte bei der Arbeit in Wolkramshausen, 1942 S. 6/7