Der Heimatverein Volpriehausen

Text Detlev Herbst   –   Layout & Gestaltung Harald Wokittel

Da immer mehr Volpriehäuser Einwohner Interesse an der Erkundung der landschaftlichen Schönheit und der Geschichte ihres eigenen Dorfes fanden, wurde schon ein Jahr später in Volpriehausen ein Zweigverein des Sollingvereins Uslar gegründet.

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                        Pastor Harry Engel

Zum ersten Vorsitzenden wurde der allseits sehr beliebte Pastor Harry Engel gewählt. Dem neuen Verein gehörten bald 25 Mitglieder an.  Bereits im Jahre 1900 wurde der „Gasthof zum Sollinger Wald“ eröffnet, der auch Fremdenzimmer für Gäste anbot. Die zu dieser Zeit schon bestehenden Gastwirtschaften Lüttich, später Schormann, Koch, Fricke und Wwe Honig, später Zur Linde, nahmen in den folgenden Jahren auch Pensionsgäste auf. Wie lange der Sollingverein Volpriehausen bestand, ist heute nicht mehr festzustellen. Aus einer Eintragung im Protokollbuch des Verkehrsvereins Volpriehausen e.V. geht jedenfalls hervor, dass in Volpriehausen im Jahre 1919 ein Verschönerungsverein bestand. Man kann wohl davon ausgehen, dass es sich dabei um den Nachfolgeverein des Sollingvereins handelte.

Am 18. Juni 1932 berichten die „Sollinger Nachrichten“ von der Gründung eines Verschönerungsvereins. Zum ersten Vorsitzenden wurde der  Lehrer Walter Johrs gewählt. Er und andere engagierte Dorfbewohner wollten die Schönheit der Landschaft, des Ortes und seiner näheren Umgebung „durch besondere Ausschmückung der Allgemeinheit zugänglich machen und dadurch zur Hebung des Fremdenverkehrs mit beitragen“. Zu den ersten Maßnahmen des neuen Vereins zählten die Aufstellung von Ruhebänken für Spaziergänger, der Bau von Schutzhütten für Wanderer, die Anlage von Wanderwegen und die Fassung der Helenenquelle  im Kesselgrund. Diese war nach der damaligen Volpriehäuser Gemeindeschwester benannt worden, die sich dort häufig mit ihrem Freund traf. Große Bedeutung für die weitere Entwicklung des Fremdenverkehrs im Dorf hatte sicher auch der Kalibergbau, da viele Angehörige und Freunde von Bergleuten vor allem aus dem Ruhrgebiet in der  Sommerfrische Volpriehausen ihre Ferien verbrachten. Auch  Einkaufsdelegationen aus zahlreichen Ländern Europas besuchten  immer wieder das  Kaliwerk und hielten sich meistens mehrere Tage in Volpriehausen auf.

Der Ort gewann durch die Eröffnung eines Freibades im April 1933 und durch die gute Zusammenarbeit zwischen den Wirten und dem Verkehrsverein zunehmend an Attraktivität für auswärtige Besucher. Meldungen in den „Sollinger Nachrichten“ berichten besonders Anfang der dreißiger Jahre immer wieder davon, dass alle Fremdenbetten belegt sind und der Verkehrsverein die Einwohner auffordern muss, weitere Betten für Sommergäste zur Verfügung zu stellen. In dieser Zeit kamen vor allem „müde Großstädter“ und Familien aus den Städten des Ruhrgebiets, um sich hier zu erholen.
In den folgenden Jahren versah der Verkehrsverein alle Wanderwege mit Hinweistafeln und nahm Erhaltungsarbeiten an den  Schäfersteinen und den Opfersteinen am Rothenberg vor.  Einem Artikel aus den „Sollinger Nachrichten“ aus dem Jahre 1937 können wir entnehmen, dass „das anhaltend warme Sommerwetter wieder eine große Anzahl Erholungssuchender in das Dorf geführt hat. Der starke Fremdenverkehr gibt Volpriehausen jetzt sein Gepräge“.Bild06

Der Beginn des Zweiten Weltkriegs beendete diese für den Ort so erfreuliche Entwicklung des Fremdenverkehrs.  Der Verkehrsverein musste nach dem Verbot der Vereine durch die Nationalsozialisten  seine Aktivitäten einstellen. Nach den Bombenangriffen der Alliierten auf Städte im Ruhrgebiet und in Norddeutschland wurden zahlreiche Kinder aus diesen so genannten „luftkriegsgefährdeten Gebieten“ nach Volpriehausen evakuiert. Während der letzten Kriegsmonate suchten hier auch  ehemalige Sommergäste aus dem Ruhrgebiet und der Region Köln – Aachen Schutz. Einige ließen sich nach dem Ende des Krieges sogar hier nieder.
Eine der ersten Maßnahmen nach dem Kriege – die auch dem Fremdenverkehr zugute kam – war der Ausbau des Weges vom Stern zur Rasenbank und der Bau einer neuen Köthe an der Rasenbank durch den Volpriehäuser Revierförster S. Mann.

Aufgrund eines Vorschlags, den Verkehrsverein wieder zu gründen, fand am  15. Dezember 1954 die Gründungsversammlung in der Gastwirtschaft zur Linde statt.  Alle anwesenden 24 Einwohner traten dem wieder gegründeten Verein spontan  bei. Unter ihnen befand sich auch der Lehrer Walter Johr, der einstimmig  zum Vorsitzenden gewählt wurde. Zu den wichtigsten Aufgaben des Verkehrsvereins gehörte es nun, die Voraussetzungen für die Wiederbelebung des Fremdenverkehrs in Volpriehausen zu schaffen. Dazu gehörten unter anderen die Anlage von Wanderwegen, ihre Beschilderung, Maßnahmen zur Dorfverschönerung, das Aufstellen von Ruhebänken und schließlich die Bereitstellung von Privatquartieren und geeigneten Unterkunftsmöglichkeiten in den hiesigen Gastwirtschaften.
Bild11Bereits zu Pfingsten 1955 kam die erste Gästegruppe, bestehend aus 42 Personen, zu einem mehrtägigen Aufenthalt hierher. Die Firmen Klausner und Buder führten für die Gäste Betriebsbesichtigungen  durch  und halfen dem Verkehrsverein tatkräftig bei der Werbung. Im Jahre 1956 wurde Volpriehausen sogar in den Grieben Reiseführer „Solling – Weserbergland“ aufgenommen. Schon ein Jahr nach der Wiederaufnahme der Aktivitäten des Verkehrsvereins konnte der Ort über 1200 Übernachtungen  von Feriengästen verzeichnen. Inzwischen sind diese Zahlen fast in Vergessenheit geraten.

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Der Steinerne Bergmann

Das Jahr 1974 brachte die Anerkennung als staatlich anerkannter Erholungsort durch die Bezirksregierung in Hildesheim. Hierfür musste ein Klimagutachten erstellt werden. Die Grundlagen für die Anerkennung legte der damalige Schulleiter Martin Baufeldt, der über einen Zeitraum von zehn Jahren regelmäßig Temperatur und Niederschlagsmessungen  vorgenommen hatte. Am 24. September desselben Jahres trafen  sich nach einer Sternwanderung in der Grünanlage an der Wiesenstraße, der heutigen Volperstraße, Mitglieder aller Zweigvereine des Sollingvereins und ehemalige Salzbergleute. Sie enthüllten in einer Feierstunde das Bergmannsdenkmal, das inzwischen zu einem der Wahrzeichen Volpriehausens geworden ist.

Die siebziger und achtziger Jahre brachten einen weiteren Aufschwung des Fremdenverkehrs. Im Jahre 1978 wurden zum ersten Mal über 10.000 Übernachtungen gezählt. Seit dem Umbau des Landhotels am Rothenberg standen zusammen mit den Betten der Gastwirtschaften  Zur Linde und Borchers, der Privatpensionen Schiller, Schlemme und des Erholungsheims der Inneren Verwaltung des Bundes  90 Fremdenbetten zur Verfügung. Der Verkehrsverein bot für die Feriengäste regelmäßig Wanderungen und andere Veranstaltungen an. In der Grünanlage am Bergmann wurde eine Freilandschachanlage angelegt. Für andere Veranstaltungen steht seit 1981 ein Gemeinschaftsraum in der Glückauf – Halle zur Verfügung. Höhepunkt des Sommerprogramms war bis 1989 das seit 1977 jährlich stattfindende Lichterfest in der Grünanlage.

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Findling oberhalb der Parkanlage

Ende der siebziger Jahre begann sich beim Verkehrsverein – wie auch bei anderen Vereinen – eine gewisse Vereinsmüdigkeit bemerkbar zu   machen. Es wurde immer schwerer, jüngere Einwohner für die Vereinsarbeit zu gewinnen. Unter der ersten Vorsitzenden Magda Marsch arbeitete zwar ein sehr aktiver Vorstand, doch der Mitgliederbestand stagnierte und nahm allmählich aus altersbedingten Gründen ab. Viele Einwohner begannen sich stärker für die Geschichte ihres Dorfes und seine weitere Entwicklung zu interessieren. Diese Entwicklung hing sicher auch mit dem Verlust der Selbständigkeit als Kommune infolge der niedersächsischen Kommunalreform im Jahre 1974 zusammen.

Anlässlich der Feiern zum 50-jährigen Bestehen des Verkehrsvereins stellte der Verein 1983 eine illustrierte Ortschronik in Buchform vor. In dieser Chronik wurde allen interessierten Einwohnern erstmals ein umfassender Überblick über die noch belegbaren historischen Ereignisse der Ortsgeschichte von den Anfängen bis in die achtziger Jahre gegeben.

Museum
Eingangsschild zum Kali – Bergbau Museum

Ein Großteil des Erlöses des Jubiläumsfestes  wurde  für die Finanzierung  des geplanten Kali – Bergbaumuseums verwendet, das auf Initiative des Ortsheimatpflegers entstehen sollte, um die Erinnerung an die für die gesamte Region Uslar so bedeutende Zeit des Kali – und Steinsalzbergbaus zu bewahren. Die Stadt Uslar stellte für diesen Zweck das Erdgeschoss der alten Schule und Gemeindeverwaltung in der Wahlbergstraße zur Verfügung. Für den Innenausbau des Gebäudes und die Einrichtung war der Verkehrsverein zuständig. Dank der großzügigenfinanziellen Unterstützung verschiedener überregionaler Einrichtungen und Stiftungen konnte schließlich am 21. September 1985 unter großer Beteiligung der Bevölkerung  das erste Kali- Bergbaumuseum in der Bundesrepublik Deutschland eröffnet werden.  Im Winter 1989/90 wurde das Museum in einem zweiten Bauabschnitt um Ausstellungsräume im ersten Stockwerk erweitert. Bis zum Jahre 2007 haben mehr als 30.000 Gäste das Museum besucht.

Anfang 1985 trat nach 13 Jahren die erste Vorsitzende des Verkehrsvereins Magda Marsch zurück, das sie mit ihrem Mann nach Northeim umzog. Wegen ihres verdienstvollen Wirkens für den Verein wurde sie zur Ehrenvorsitzenden ernannt. Ihr Nachfolger wurde Hans Ulrich Kröll, der dem Verein bis 1990 als erster Vorsitzender führte. In dieser Zeit wurden der Weihnachtsmarkt der Volpriehäuser Vereine und das Lichterfest in der Anlage am Bergmann zu nicht mehr aus dem Ortsgeschehen wegzudenkenden Veranstaltungen.

In den Jahren 1983 bis 1990 veranstalte der Verkehrsverein in Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirchengemeinde regelmäßig Dichterlesungen und Konzerte in der evangelischen Kirche, zu denen oft mehr als einhundert Zuhörer kamen. Im Rahmen dieser Abendmusiken gastierten  hier  Solisten des Göttinger Sinfonieorchesters und so bekannte Ensembles und Musiker wie das Rosenau Trio, der Chilene Angel Parra mit seinem Ensemble, der Trompeter Ludwig Güttler mit dem Leipziger Bachkollegium in einem wahrhaft historischen Konzert am Tag nach der Maueröffnung, der niederländische Gospelchor Joy for People u.v.a.

Ende der achtziger Jahre kam es im Vorstand des Verkehrsvereins immer wieder zu Diskussionen über eine eventuelle Neuformulierung der Ziele und Aufgaben des Vereins und eine sich daraus ergebende Umbenennung. Die traditionelle unmittelbare Förderung des Fremdenverkehrs hatte an Bedeutung verloren, da es außer dem Landhotel am Rothenberg keinen Beherbergungsbetrieb mehr im Dorf gab. Eine Umbenennung in Heimat – und Museumsverein wurde vorgeschlagen. Die Nachfolger Krölls  als erste Vorsitzenden, Dirk Schwarz und Hermann Marsch, blieben jeweils nur ein Jahr im Amt. Hermann Marsch gelang es während seiner Amtszeit im Zuge einer Bestandsaufnahme  die inneren  Strukturen des Vereins zu verändern  und seine Ziele und Aufgaben neu zu definieren, so dass die Weiterarbeit des Vereins  gewährleistet war.

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Backhaus um 2005

Im Jahre 1992 konnte mit dem neuen ersten Vorsitzenden Werner Wieneke ein Neubeginn der Vereinsaktivitäten und des Vereinslebens eingeleitet werden. Der frühere Verkehrsverein wurde in Heimatverein Volpriehausen e. V. umbenannt. Im Zuge des Dorferneuerungsprogramms wurde in den Jahren 1994/95 in der Schäferei die Brandstelle Hilke beseitigt und  ein Backhaus gebaut, dessen Verwaltung der Heimatverein übernahm.  Im Jahre 2000 stellte Werner Wieneke sein Amt aus Altersgründen zur Verfügung.  Eli Bolz wurde zu seiner  Nachfolgerin gewählt und führte den Verein bis zum Frühjahr 2013.

Der Heimatverein Volpriehausen feierte im Jahre 2008 sein 75jähriges Bestehen im Rahmen eines großen Regionalmarktes in der Schäferei und der Wahlbergstraße.

2013 wurde der Heimatverein „verjüngt“. Bei den anstehenden Wahlen wurden Sven Freyer zum Vorsitzenden, Dietmar Sattler zum Stellverteter, Harald Wokittel zum Kassenwart und Jörg Richter zum Schriftführer gewählt.

 

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Dieser neue Vorstand hat natürlich auch neue Ideen und Vorstellungen. So wurde 2015, um das Backhaus für Versammlungen und Feiern zu vergrößern, der innenliegende Backofen in einem neuen Anbau untergebracht. Dieses war auch notwendig, da das letzte Gasthaus „Zur Linde mit dem Wirt Bernd Anthon“ 2011 geschlossen wurde. Das Backhaus hat jetzt Platz für ca. 50 Personen und kann beim Stellv. Vorsitzenden Dietmar Sattler (Tel.-Nr. 0 55 73 – 12 33) angemietet werden.

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Klönabend 2015

Zu Ehrenmitgliedern wurde im Jahr 2015 Elli Bolz und Detlev Herbst anlässlich des 20jährigen Bestehens des Backhauses und 30jährigen Bestehens des Kali- Bergbau Museum ernannt. Für Einwohner und Gäste bietet der Heimatverein Volpriehausen im Sommer Klönabende an, wo z. B. im Backofen schon Brot, Pizza, Flammkuchen und vieles mehr gebacken wurde.

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