Kameraden aufgewacht

„Kameraden! Aufgewacht und erkennet eure Macht!“
Der große Streik im Kaliwerk Justus I  in Volpriehausen im Jahre 1906

Der deutsche Kalibergbau im Jahre 1905
Im Jahre 1905 förderten 32 Kaliwerke  auf dem Gebiet des Deutschen Reichs, die im deutschen Kalisyndikat organisiert waren. Das Deutsche Reich besaß bis zum Ende des Ersten Weltkriegs das Weltkalimonopol und mit  dem Kalidünger ein einzigartiges Exportprodukt  für den Weltmarkt. Ständig gingen neue Werke in Förderung, da sich der Kaliabsatz ausgesprochen günstig entwickelte. (1) Der Kalibergbau war in höchstem Maße profitabel  und brachte hohe Gewinne, wie die Überschüsse einiger Kaliwerke für das Jahr 1905 zeigen. (2)

Wintershall                            715205 Mk

Hohenzollern                         548681 Mk

Beienrode                              741497 Mk

Hedwigsburg                         772169 Mk

Hohenfels                               811413 Mk

Kaiseroda                               770071 Mk

Glückauf Sondershausen     1386603 Mk

Zur Vorgeschichte des Streiks
Das Werk Justus I (3) in Volpriehausen am Solling im südlichen Niedersachsen war im Frühjahr 1901 in Förderung gegangen und  förderte Kali – und Steinsalz. Im Über – und Untertagebereich waren  mehr als 800 Menschen tätig. ( 4 )

Das Werk Justus I arbeitete seit seiner Inbetriebnahme sehr erfolgreich und erwirtschaftete

in den Jahren 1902 – 1904 jeweils Überschüsse von mehr als 800000 Mk. Im Jahre 1905 betrug der Reingewinn sogar mehr als 900 00 Mk.

Trotz dieser äußerst positiven Bilanz hatte es für die Bergarbeiter nach Lohnkürzungen im Jahre 1901 keine Lohnerhöhungen mehr gegeben. Der Wochenlohn eines Fördermanns lag nach Berechnungen der „Berliner Zeitung“ mit ca 21 Mk unter dem Existenzminimum. Im Jahre 1905 betrugen die Kosten für Lebensmittel in einem Vierpersonenhaushalt 21,98 Mk pro Woche. Hinzu kamen noch die Aufwendungen für  Bekleidung , sonstige Anschaffungen und öffentliche Abgaben.  In diesem Zusammenhang sollte nicht unerwähnt bleiben, dass nach Angaben der Werksleitung  Justus I ein Bergmann einen durchschnittlichen Gewinn in Höhe von 133 Mk  pro Monat erarbeitete.

Zum 1. März 1906 verfügte die Leitung des Werks Justus I eine Kürzung der Löhne der Förderleute um 15 bis 18%. Die Kürzung wurde mit dem erheblich niedrigerem Lohnniveau und der längeren Arbeitszeit in der Landwirtschaft begründet. Dort verdiente ein Knecht bei zehn bis zwölf Stunden Arbeitszeit zwischen 1,50 und 2,00 Mk. Für März 1906 hatte die Reichsregierung zudem erhebliche Preiserhöhungen für Lebensmittel wegen der geplanten Anhebung der Zollsätze angekündigt. (5)

Die Belegschaft bildet einen Arbeiterausschuss
Angesichts der verfügten Lohnkürzungen und der  sich abzeichnenden Verschlechterung der Lebensbedingungen bildete die Belegschaft des Kaliwerkes einen Arbeiterausschuss, der der Werksleitung die Stellungnahme der Bergleute zu den Lohnkürzungen übermitteln sollte. Sie lehnten die Lohnkürzung ab und forderten  stattdessen die Erhöhung der Schichtlöhne für Hauer auf 4 Mark, für Lehrhauer auf 3, 80 Mark, für Förderleute auf 3, 50, für Fabrik – und Übertagearbeiter ebenfalls auf 3, 50 Mark, für jugendliche Arbeiter im Alter von 14 – 15 Jahren auf 1, 75 Mark, von 15 – 16 Jahren auf 2, 00 Mark, von 16 bis 18 Jahren auf 3 Mark und eine Erhöhung der Akkordlöhne um 15 Prozent. Die Forderungen wurden mit den steigenden Lebenshaltungskosten und einer Angleichung der Löhne an diejenigen der meisten anderen Kaliwerke begründet. Die Kommission forderte weiterhin, dass eine „Maßregelung wegen der Vertretung  dieser Lohnforderungen und wegen der Mitgliedschaft im Verband Deutscher Bergarbeiter“ nicht stattfinden dürfe . Die Werksleitung hatte die Möglichkeit, in einem solchen Falle die Betroffenen zu maßregeln, indem sie Lohn zurückhalten oder „Rädelsführer“ entlassen konnte. (6) Über die Entgegennahme der Antwort schreibt der Volkswille (7): „ Am 5. März konnte der Arbeiterausschuss die Antwort der Werksleitung persönlich entgegennehmen. Gleich zu Anfang fragte ein Arbeitsausschussmitglied, ob Verbandsleiter Husemann zu den Verhandlungen zugelassen würde, was der Direktor mit einem unwirschen  – Nein, das machen wir allein! – ablehnte.“ Auf die Lohnforderungen ging die Werksleitung nur insofern ein, dass sie einer Erhöhung der Akkordlöhne um sechs Prozent zustimmte. Das bedeutete, dass durch die angebotene Lohnerhöhung nicht einmal die Lohnkürzung vom Monatsbeginn ausgeglichen würde. Auf Maßregelungen wollte die Werksleitung nicht zurückgreifen,“ aber die Verwaltung lasse sich in ihren Rechten beschneiden!“ (8)

Der Ausstand beginnt
Aufgrund der negativen  Antwort der Werksleitung wurde noch am selben Tag eine Versammlung aller Arbeiter in der Gastwirtschaft  Kauke im Nachbarort Schlarpe, wo viele Bergarbeiter wohnten, einberufen. Dort beschlossen die Anwesenden mit großer Mehrheit, am folgenden Montag in den Ausstand zu treten.

In einer  Bekanntmachung in den „Sollinger Nachrichten“ (9) vom 7. März informierte die Betriebsleitung alle Bergleute und die Öffentlichkeit über den Ausbruch eines Ausstandes auf dem Kaliwerk Justus I und rief alle arbeitswilligen Bergleute zur Wiederaufnahme der Arbeit auf. Nach einer Meldung der „Sollinger Nachrichten“ vom selben Tag waren fast alle Belegschaftsmitglieder , also auch die Übertage – und Fabrikarbeiter, – insgesamt ca 770 Mann – in den Streik getreten. Die Königliche Polizeibehörde   kommandierte noch am gleichen Tage zum „Schutze der Arbeitswilligen“  Gendarmerie ab. Die Bahnhöfe Volpriehausen, Uslar und Hardegsen  und die Straßen zu den umliegenden Orten wurden von Polizeipatrouillen besonders gesichert.

Wie der „Volkswille“ am 8. März meldet, waren  auch die Förderleute des Kaliwerks „Frisch Glück“ in Eime bei Alfeld wegen Gedingeabzugs nicht eingefahren . Sie befanden sich allerdings in einer weitaus schlechteren Lage als die Volpriehäuser Bergleute, da sie nicht organisiert waren. Die Volpriehäuser Bergleute dagegen  waren fast hundertprozentig im „Verband Deutscher Bergarbeiter“ organisiert, so dass sie nicht ganz so schutzlos dastanden.

In der Berichterstattung über den weiteren Verlauf des Streiks machten sich  die „Sollinger Nachrichten“, mehr und mehr den Standpunkt der Betriebsleitung des Werks Justus I zu eigen, während der „Volkswille“ sich nachhaltig für  die Interessen der streikenden Bergarbeiter einsetzte. So vertraten die „Sollinger Nachrichten“ die Ansicht, dass die Löhne auf Justus I  denen der  hannoverschen Werke durchaus ebenbürtig seien und diejenigen der thüringischen und sächsischen Werke sogar überstiegen würden. Die Schuld am Streik sei nur auf die „anhaltende systematische Verhetzung der durchaus gut gesinnten Arbeiterschaft“ durch den sozialdemokratischen Bergarbeiterverband  zurückzuführen. Im übrigen sei es  unverständlich, dass diejenigen, die vorher in der Landwirtschaft bei zehn – bis zwölfstündigem Arbeitstag 1, 50 bis 2,00 Mk verdienten, jetzt mit einem Lohn von 3 bis 4 Mk. nicht einverstanden seien.(10) Diese einseitige Berichterstattung der „Sollinger Nachrichten“ wurde von der Streikleitung heftig kritisiert. Nach der Meldung, dass am 12. März  ein Drittel der gesamten Belegschaft wieder der Arbeit nachgehe, verlangte die Streikleitung aufgrund des Pressegesetzes die Richtigstellung dieser Meldung, da „durch zuverlässige Kontrolle ermittelt sei, dass am Freitag 19 und am Samstag 17 Mann eingefahren seien, welche als eigentliche Bergleute gelten könnten.“ (11) Die Richtigstellung erfolgte tatsächlich am 17. März.

Die Solidarisierung der Frauen mit den Streikenden
Nach der Berichterstattung des „Volkswille“ war die Stimmung der Streikenden gut. Hinzu kam eine öffentliche Solidarisierung der Frauen mit den Streikenden.  Auf zwei gut besuchten Versammlungen in Schlarpe und Uslar hatte der Sekretär des Bergarbeiterverbandes Husemann aus Bochum zu den Frauen gesprochen und ihnen die Ursachen für die Arbeitsniederlegung erläutert. „Die Bergarbeiterfrauen, von denen die Mehrzahl zum ersten Mal an einer proletarischen Versammlung teilnahmen, lauschten aufmerksam den Ausführung des Redners. Eine neue Welt tat sich diesen in ländlicher Zurückgezogenheit lebenden Proletarierfrauen auf. Von jetzt ab haben die Streikenden in den Frauen und der übrigen Bevölkerung ihres Reviers einen starken Rückhalt!“ Diese moralische Unterstützung war für die Streikenden besonders wichtig, da sie mit einer Verschärfung des Streiks rechnen mussten. Die Kommission der Belegschaft hatte der Werksleitung zwischenzeitlich mehrmals Gespräche zur Beilegung des Ausstandes angeboten. Erst nach längerem Zögern der Werksleitung kam ein Gespräch zustande, das aber ergebnislos verlief. (12)

Der Streik geht weiter
Die Werksleitung versuchte in ihren Verlautbarungen  immer häufiger, einen Keil zwischen die Streikenden zu treiben. Sie bezeichnete die „fremden Bergleute“ als die am Streik Schuldigen, während die einheimischen „die Verführten“ waren. Trotz der Drohung der Werksleitung, dass „eine Anzahl der Streikenden mit Maßregelungen rechnen müsse“, beschlossen die Bergarbeiter bei nur fünf Gegenstimmen weiterzustreiken.

Nach fast 14-tägigem Streik zeichneten sich im Werk unterdessen immer größere Schwierigkeiten ab, den Betrieb aufrechtzuerhalten. Es konnten keine neuen Abbaue mehr erschlossen werden, da kaum noch Hauer einfuhren, die für die Bohr – und Sprengarbeit ausgebildet waren. Die Werksleitung versuchte durch den Einsatz einer größeren Anzahl „freiwilliger“ Fünfzehn – bis Sechzehnjähriger, diesen Mangel auszugleichen. Daraufhin wiesen die Streikenden die Werksleitung und das Bergamt auf  die bergpolizeilichen Vorschriften hin, die  den Umgang von Nichtfachleuten mit Sprengstoff  nicht gestatten.

Am 16. März löste die Werksleitung schließlich den mitstreikenden Arbeiterausschuss  auf und verlangte eine Neuwahl aus Arbeitswilligen. (13)

Die finanzielle Situation der Bergarbeiterfamilien verschlechtert sich
Am 20. März fand die Auszahlung des Restlohnes im Kaliwerk statt. Trotz Demonstrationen streikender Arbeiter verlief sie ruhig. Die Bergwerksgesellschaft machte dabei vom ihr zustehenden Recht der Kürzung eines Wochenlohnes Gebrauch. Sie teilte aber allen Belegschaftsmitgliedern mit, dass sie bei sofortiger Wiederaufnahme der Arbeit den gekürzten Betrag bei der nächsten Hauptlohnzahlung erhalten würden. Nach dieser nicht ganz unerwarteten Maßregelung verschlechterte sich die finanzielle Situation bei den meisten Bergarbeiterfamilien  erheblich. Der Bergarbeiterverband zahlte zwar den Streikenden  als Unterstützung bei Maßregelung einen wöchentlichen Zuschuss von zwölf Mark und eine Mark zusätzlich für jedes Kind. Doch diese Unterstützung konnte den fehlenden Lohn nicht ersetzen. Dennoch sprachen sich die streikenden Bergleute bei weiteren Abstimmungen für die Fortsetzung des Streiks aus. Als Folge des Streiks hatten bereits fünfzig qualifizierte Bergleute Volpriehausen verlassen, um anderswo Arbeit zu finden. Die Streikenden wiesen daraufhin, dass bei einer weiteren Abwanderung qualifizierter Arbeitskräfte das Weiterbestehen des Werkes „Justus I“ gefährdet sein könnte. (14)

Nach Meinung der Werksleitung war der Streik schon seit längerer Zeit geplant worden und  „ eine Folge der systematischen Verhetzung der sozialdemokratischen Parteileitung  des Bergarbeiterverbandes.“ Er wurde „ in gewissenlosester Weise von sozialdemokratischen Agitatoren eingeleitet und nur zu Parteizwecken ausgebeutet“. Da die „Sollinger Nachrichten“ diese Behauptungen unkommentiert übernahmen, verlangte der Sekretär des Bergarbeiterverbandes nach § 11 des Pressegesetzes die Richtigstellung dieser Behauptung.

Diese Richtigstellung erschien in ausführlicher Form in der Ausgabe vom 24. März. (15)

Die Streikfront bröckelt – Der Streik geht zu Ende
Da alle Bemühungen, sich mit der Werksleitung zu einigen, erfolglos blieben, riefen die Streikenden am 26. März das Oberbergamt Clausthal als Einigungsbehörde an. Doch auch dieser Versuch blieb erfolglos. Der Druck auf die Streikenden wuchs von Tag zu Tag. Sie wurden mehr und mehr verunsichert  und gaben schließlich entmutigt auf, weil die Werksleitung offenbar  nicht bereit  war einzulenken. Am 1. April 1906 meldete der „Volkswille“ „Der Streik auf dem Kaliwerk Justus I ist beendet. Die Belegschaft nahm die Arbeit zu den alten Bedingungen wieder auf.“ (16)

Photos:
1.)  Ansicht des Werkes „Justus I“ aus dem Jahre 1906

2.)  Pferdeförderung auf der 540m –  Sohle (1906)

3.)  Bekanntmachung der Bergbau AG Justus über den Streikbeginn

 

Anmerkungen und Literaturhinweise

1)  Vgl. Hoffmann, D. : Elf Jahrzehnte  deutscher                       Kalisalzbergbau, Essen 1972. S.40

2)  Verband Deutscher Bergarbeiter (Hrg.), An die Berg-,Fabrik-       und Tagesarbeiter in der Kaliindustrie,  Hannover 1906

3)  Nach der Bildung des Bergbaukonzerns „Wittekind“ im Jahre     1921 wurde das Werk „Justus I“ in „Wittekind“ umbenannt.

4)  Vgl. Herbst, D.: 750 Jahre Volpriehausen, Göttingen 1983.         S.133

5)  Verband Deutscher Bergarbeiter. A.a.O.

6)  Volkswille 6. 3. 1906

7)  Parteiorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

8)  Volkswille  7. 3. 1906

9)  Bürgerliche Tageszeitung für den Kreis Uslar

10) Sollinger Nachrichten 17. 3. 1906

11) Sollinger Nachrichten  17. 3. 1906

12) Volkswille 13. 3. 1906

13) Volkswille 17. 3. 1906

14) Sollinger Nachrichten 20. 3. 1906

15) Sollinger Nachrichten 24. 3. 1906

16) Volkswille 1. 4. 1906

17) Volkswille 24. 8. 1906